Sport : Nach einem langen Weg

Zum ersten Mal stehen heute schwarze Cheftrainer im amerikanischen Football-Finale

Matthias B. Krause[New York]

Tony Dungy kann sich noch genau daran erinnern wie es war, als er in den Sechzigerjahren in einer Kleinstadt in Michigan aufwuchs: „Wir haben den Super Bowl angeguckt und nie wirklich einen schwarzen Coach gesehen. Wir haben nicht einmal darüber nachgedacht, dass wir das eines Tages werden könnten.“ An diesem Sonntag steht Dungy nun selbst mit den Indianapolis Colts als erster schwarzer Headcoach im Finale der National Football League. Sein Gegenüber im Super Bowl in Miami ist Lovie Smith mit den Chicago Bears, ebenfalls ein Afro-Amerikaner.

Zwei Drittel aller Spieler in der NFL sind schwarz, doch wenn es um die Führungspositionen geht, wird die Liga weiterhin von Weißen beherrscht, auf dem Feld, an der Seitenlinie und im Management. Von den 34 amerikanischen Profiteams haben gerade zwölf einen schwarzen Quarterback. Und selbst im 21. Jahrhundert leisten sich amerikanische Sportkommentatoren immer wieder abfällige Kommentare über Spieler und ihre Hautfarbe. So bemerkte der neo-konservative Radio-Talker Rush Limbaugh einst über Philadelphias Quarterback Donovan McNabb, es habe wegen dessen Hautfarbe „soziale Bedenken“ gegen ihn im Team gegeben „und die Medien zweifeln daran, dass ein schwarzer Quarterback gut sein kann“.

Das war 2003 und löste eine große Diskussion im Land aus, an deren Ende der Sportsender ESPN Limbaugh feuerte. Doch damit sind die Vorurteile in Sport, Wirtschaft und Politik natürlich nicht vom Tisch. In dieser Woche etwa machte der demokratische Präsidentschaftsanwärter Joseph Biden von sich Reden, als er über seinen Herausforderer Barack Obama sagte, der sei „der erste Mainstream-Afro-Amerikaner, der sich ausdrücken kann und ein intelligenter, sauberer und gut aussehender Typ ist“. Die Diskriminierung kennt viele Formen, sei es schlechtere Bezahlung, mangelnde Chancengleichheit oder latenter Rassismus im Alltag.

Zumindest zahlenmäßig sieht es so aus, als sei inzwischen ein wenig mehr Gleichberechtigung in die höchste Football-Liga eingezogen. Zu Beginn dieser Saison führten sieben afro-amerikanische Headcoaches NFL-Teams und vor einer Woche verkündeten die New York Giants, dass sie Jerry Reese als General Manager verpflichten, den dritten Schwarzen in der Geschichte der Liga auf der für Personalentscheidungen zentralen Position. Sie alle haben einen langen Weg hinter sich. Dungy etwa wählte als Spieler die University of Minnesota, weil das eines der wenigen Teams war, die einen Schwarzen auf der Position des Quarterbacks überhaupt spielen ließ. Als er dann einen Profivertrag bei den Pittsburgh Steelers unterschrieb, machten die aus ihm trotzdem einen Verteidiger.

Als Dungy 1981 auf die Trainerseite wechselte, war er einer von vielleicht 15 Schwarzen an der Seitenlinie, alle in untergeordneten Positionen. Erst vor 18 Jahren engagierten die Oakland Raiders Art Shell als ersten afro-amerikanischen Coach in der Geschichte der NFL. Als der legendäre Rechtsanwalt Johnnie Cochran und Verteidiger von O.J. Simpson 2002 drohte, die NFL wegen Rassismus zu verklagen, reagierten die Klub-Besitzer mit der so genannten Rooney-Regel. Demnach muss jede Mannschaft wenigstens einen Kandidaten einer Minderheit anhören, bevor sie eine offene Stelle im Trainer- oder Management-Stab vergibt. Was bisweilen zu absurden Szenen führt, wie Dungy sich erinnert. So sei er einmal gefragt worden, ob er denn für den Job auch seinen Bart abrasieren würde, man lege „auf ein gewisses Äußeres“ wert. Ein anderes Mal ließen sie den Defensiv-Spezialisten antanzen, obwohl sie einen Angriffs-Koordinator suchten.

Dungy übernahm schließlich den Chefsessel bei den Tampa Bay Buccaneers 1996 und begann systematisch, Schwarze als Assistenten einzustellen. Unter ihnen auch Lovie Smith, der Mann, der ihm nun seinen ersten Super Bowl-Titel streitig machen will. Dungy hofft auf eine Signalwirkung für viele schwarze Jugendliche: „Wenn sie das Spiel sehen, werden die jungen Leute dieses Mal hoffentlich sagen: Hey, ich könnte eines Tages auch Coach sein.“

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