Nach Eklat um Harting : Aktion der Doping-Opfer: Wegsehen und hinhören

Die Brillen der Dopingopfer haben den Diskuswerfer Robert Harting erzürnt. Die Zuschauer nehmen sie dagegen gerne – bis der Wettkampf beginnt.

Anke Myrrhe

Sie gehen weg wie nichts. Ein Pappstreifen nach dem anderen wird den vier Studentinnen am Südeingang des Olympiastadions aus der Hand gerissen. „Anti-Doping- Brille“, rufen sie. „Haben Sie schon eine Anti-Doping-Brille?“ Neugierig bleiben viele der einströmenden Zuschauer stehen, nehmen den Studentinnen einen der langen, lilafarbenen Pappstreifen aus der Hand und lesen erst einmal, was darauf steht. „Ich will das nicht sehen“, auf der einen Seite – und auf der anderen die etwas missglückte englische Übersetzung: „I don’t want to see cheats.“

Erst auf Anfrage erhält man zusätzlich zu der Brille, durch die man nichts sieht, ein Flugblatt mit Informationen. Für einen sauberen Sport wird darauf geworben, und auch der Urheber der Aktion wird genannt: der Verein Doping-Opfer-Hilfe (DHO). 20 000 solcher Flyer werden am Dienstag und am Mittwoch vor dem Olympiastadion verteilt, gemeinsam mit 25 000 Exemplaren der Anti-Doping-Brille. „Die Brillen sollen auf charmante Weise darauf hinweisen, dass es ein Problem gibt“, sagt die ehemalige Weltklassesprinterin Ines Geipel, die die Aktion mit anderen Opfern des DDR-Zwangsdopings initiiert hat. Viele der Opfer haben schwere körperliche Schäden davongetragen, manche sind verstorben. Nun kämpfen Aktivisten dafür, dass ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, sie haben sich im DHO zusammengeschlossen und wollen erreichen, dass auch bei diesen Weltmeisterschaften über Doping nachgedacht wird. Durch die Brillen kann der Zuschauer seine Skepsis an der Sauberkeit eines Athleten ausdrücken. Und auf kleinen pinkfarbenen Dosen, die bunte Bonbons enthalten, steht: „Ich will das nicht schlucken.“

„Das ist doch mal eine gute Sache“, sagt Nina Johansson, eine Besucherin aus Finnland. Ohne große Probleme versteht sie, worum es geht. Ob sie die Brille aufsetzen wird? „Natürlich nicht“, sagt Johansson. Dafür waren die Karten zu teuer. Aber sie findet schnell eine Lösung und setzt sich den Streifen auf den Kopf. „So geht es doch auch“, sagt sie. Johansson meint, dass viele der Sportler, denen sie gleich zujubeln wird, mit unerlaubten Mitteln nachhelfen. „Das machen doch eh alle“, sagt sie. Der stille Protest mit der Brille auf dem Kopf scheint manchem Zuschauer ganz gut zu gefallen, ohne dass die Brillen den Spaß an der WM verderben.

„Uns ist vor allem wichtig, in die Zukunft zu sehen“, sagt Ines Geipel. „Doch unsere Erfahrungen sollen dabei nicht überlaufen werden.“ Deswegen tauchen die DDR-Dopingopfer auch weder auf dem Flyer noch auf den Brillen konkret auf. Es soll um die aktuellen Sportler gehen. Einer ist dann doch gekommen zum Südeingang des Olympiastadions. Uwe Trömer, ehemaliger Bahnradfahrer, der an einem Nierenschaden, verursacht durch das DDR-Zwangsdoping, beinahe gestorben wäre. „Ich wollte ja auch nicht hier stehen“, sagt Trömer sichtlich erbost. Dann kramt er einen Zettel mit den Aussagen des Diskuswerfers Robert Harting aus der Tasche. „Aber Harting hat uns herausgefordert.“ Der Diskuswerfer hatte nach seiner Qualifikation am Dienstagmorgen gesagt: „Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann nochmal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen.“ Uwe Trömer empfand das als direkten Angriff, ja sogar als Morddrohung. „Ich hoffe, das hat Konsequenzen“, sagt er. Harting hat sich inzwischen für seine Aussage entschuldigt, aber eines hat er unfreiwillig erreicht: Viele interessieren sich jetzt für die Brillen.

Erstaunt nimmt auch Uta Götze eine in die Hand. „Die hätten wir am Sonntagabend haben müssen“, sagt sie und meint damit das 100-Meter-Finale der Männer. „Das weiß doch jeder, dass die alle gedopt sind.“ Götze ist eine der Betreuerinnen des Jugendlagers des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und mit 300 Nachwuchsathleten nach Berlin gekommen. „Ich hoffe, sie haben alle eine Brille bekommen“, sagt sie. Die Jugendlichen seien sehr aufnahmebereit für dieses Thema, da es ihnen an Motivation fehle. „Das ist doch frustrierend, wenn du jahrelang trainierst und dann fast sicher sein kannst, dass es bei anderen nicht mit rechten Dingen zugeht“, sagt Uta Götze. „Woran sollen sie Jugendlichen denn noch glauben?“

Die Studentinnen sind die Brillen los. Nur ein Bruchteil der Besucher im Olympiastadion hat eine erhalten – und eine halbe Stunde später liegen die ersten Pappstreifen zusammengeknüllt auf der Straße oder im Mülleimer. Und auch jene, die die Brille am Eingang noch mit großer Zustimmung entgegengenommen haben, scheinen sie vergessen zu haben, sobald die Wettkämpfe beginnen. Im Stadion sind nur ganz vereinzelt lilafarbene Streifen zu sehen. Wenn der erste Startschuss fällt, offenbar wollen viele der Zuschauer eben doch die große Show sehen. Auch eine Goldmedaille von Robert Harting. Ohne Nachdenken.

Woran sollen Jugendliche noch glauben?, fragt eine Trainerin

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