Nach Förderstopp fürs Curling : Wird Spitzensport Stein um Stein abgebaut?

Dem Curling droht das Aus – auch andere Verbände fürchten um die Sportförderung. Sie wollen Antworten vom Deutschen Olympischen Sportbund.

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Wer fliegt als Nächster? Die Curler sollen künftig keine Spitzensportförderung mehr erhalten. Foto: Imago/HochZwei
Wer fliegt als Nächster? Die Curler sollen künftig keine Spitzensportförderung mehr erhalten.Foto: Imago/HochZwei

Natürlich weiß Detlef Poste, worum es geht. Die Streichung der Förderung für das Curling und das drohende Aus der Sportart in Deutschland ist das Thema des Tages, auch im Deutschen Badminton-Verband (DBV). „Es ist beunruhigend, allerdings haben wir noch zu wenig Informationen“, sagt der DBV-Geschäftsführer. „Eine olympische Sportart aus der Bundesförderung komplett herauszunehmen, wäre eine neue Stufe.“

Poste ist wie viele seiner Kollegen überrascht davon, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) dem Bundesministerium des Inneren (BMI) empfohlen hat, eine olympische Sportart künftig nicht mehr zu fördern. Das BMI ist der größte Geldgeber im deutschen Spitzensport, es stellt bislang 130 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Und auch wenn die Entscheidung noch nicht endgültig ist und zunächst auf einer mündlichen Information des DOSB beruht, so ist die Verunsicherung groß im deutschen olympischen Sport. Vor allem, weil die Hintergründe der folgenschweren Entscheidung weiterhin unklar sind.

Poste will deshalb so schnell wie möglich mehr Informationen zum Fall Curling vom DOSB einholen. „Aufgrund des angekündigten Förderstopps muss sich jeder Gedanken machen“, sagt er. „Was passiert, wenn es ein paarmal nicht so gut läuft? Bin ich dann auch weg? Wir als Spitzenverbände werden bei den nächsten Treffen mit dem DOSB diese Fragen sicherlich stellen.“

Denn auch bei den Sommersportverbänden beginnt nun das große Zittern. DOSB-Präsident Hörmann hat bereites angekündigt: „Wenn das Geld nicht reicht, ist es durchaus möglich, dass es auch Sommerverbände erwischt.“ Bis zu den Olympischen Spielen 2016 ist die Förderung geregelt, doch danach könnte es ungemütlich werden. „Die Sommersportarten wissen nun Bescheid, was nach Rio 2016 ist“, sagt Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbands. „Ich kann nur jedem raten, seine Ergebnisse zu bringen.“ Müller weiß, wovon er redet. Die Förderung der Boxer wurde nach den Spielen 2008 und 2012 jeweils gekürzt, weil die Ergebnisse nicht erreicht wurden. Doch der Druck liegt nach Müllers Einschätzung nun vor allem auf den Spielsportarten, wo die Pro-Kopf-Kosten je Medaille deutlich höher seien als in den Individualsportarten, in denen ein Athlet im Zweifel mehrere Medaillen holen kann. Bemerkenswert daran ist, dass diese Rechnung vom „medaillenträchtigen olympischen Sport“ bereits in der DDR aufgemacht wurde. Das führte dazu, dass Mannschaftssportarten wie Basketball und Hockey kaum gefördert wurden. Droht im bundesdeutschen Sport nun das Wiederaufleben dieses sozialistischen Prinzips?

Die DOSB-Auswahlkriterien sind weiter unklar

„Ich hoffe nicht, dass das in Deutschland der zukünftige Weg der Spitzensportförderung wird“, sagt Detlef Poste vom Badminton-Verband. „Eine Beschränkung auf wenige Sportarten fände ich für Deutschland nicht gut. Da gibt es Klärungsbedarf, wie sich die Hauptverantwortlichen künftig Leistungssport in Deutschland vorstellen. Um Spitzensport in der Gesellschaft legitimieren zu können, muss man auch die Vielfalt abbilden und in die Bevölkerung bringen.“

Die Aussagen von DOSB-Präsident Alfons Hörmann lassen jedoch einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel vermuten. „Wir standen vor der Frage, ob wir im Gießkannenprinzip bei allen Verbänden kürzen oder nur bei einem“, sagt Hörmann. Die Entwicklung zeige, dass „der Leistungssport in Deutschland am Scheideweg steht. Solange der deutsche Sport nicht mehr Mittel erhält, der Bedarf aber an allen Stellen wächst, sind wir gezwungen, Prioritäten zu setzen.“

Welche Kriterien dieser Prioritätensetzung zugrunde liegen, ist weiter unklar. Klar ist immerhin, dass die olympischen Sportarten in Föderklassen von A bis E einsortiert sind, je nach Erfolgsaussichten. Je niedriger die Klasse, desto geringer die Förderung – und desto größer nun auch die Gefahr? Der Rugby-Verband, der bei den Sommersportarten in der Förderklasse E (Sportarten ohne Finalplatzpotential) geführt wird, sieht sich nicht akut gefährdet. Die Rugbyspieler sind noch relativ neu im Fördersystem des DOSB, „und wir genießen noch eine Art Welpenschutz“, sagt Matthias Hase, der Pressereferent des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV).

Doch auch Hase ist klar, dass der Sport ohne die Zuwendungen den durchaus respektablen Aufstieg in der Vergangenheit nicht hätte bewältigen können. „Durch die Gelder konnten wir einen Sprung machen vom Abstiegskandidaten in der Grand-Prix-Serie zu einer Mannschaft, die Weltmeister England geschlagen hat und zu Turnieren nach Las Vegas oder Kenia eingeladen wird.“ Für die DRV-Stützpunkte in Heidelberg und Köln seien die DOSB-Gelder die Lebensader. „Fast alle Sportarten außer Fußball würden dicke Backen machen, wenn ihnen die Fördergelder gestrichen werden“, sagt Hase. Nur Profisportarten können dauerhaft ohne staatliche Förderung überleben.

Andere Verbände hoffen, dass nun grundsätzlich übers deutsche Sportsystem nachgedacht wird

„Grundsätzlich wäre in unserem Verband Leistungssport ohne eine öffentliche Förderung nicht möglich“, sagt auch Christian Baumgartner, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BDGV). Er hat registriert, dass der DOSB mit der geplanten Einführung eines hauptamtlichen Vorstandes in Richtung Professionalisierung strebt. „Ich sehe das als ein Signal an, dass sich der Leistungssport in Deutschland reformieren muss“, sagt Baumgartner.

In anderen Verbänden gibt es bei aller Sorge ebenfalls die Hoffnung, dass man nach dem publikumswirksamen Fall Curling einmal grundsätzlicher über das deutsche Sportsystem nachdenkt. Vor allem das Thema Nachwuchsentwicklung wird immer wieder genannt. Hier fehle es an einem bundesweiten Förderkonzept von ganz unten bis ganz oben. Die Sichtung der Talente müssen meist die Vereine übernehmen, die Spitzensportförderung greift erst viel später, kurz vorm Teenageralter – oftmals zu spät, um dann noch in die Weltspitze vorzudringen. „Es scheitert offenbar daran, 30, 40 Millionen mehr reinzugeben, damit das gemacht werden kann, was die Experten für sinnvoll halten“, sagt ein Verbandsfunktionär, der ungenannt bleiben möchte. Doch statt einer sinnvollen Talentförderung werde „gekürzt oder rasiert. Das ist schade – ein Zehntel eines Panzerprojektes weniger, das würde schon reichen.“

Mitarbeit: Dominik Bardow, Michael Rosentritt, Benedikt Voigt

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