Nach Halbfinal-Niederlage : Rainer Schüttler: An Stolz gewonnen

In Wimbledon gelang Rainer Schüttler das Unmögliche: Er erreichte zum ersten Mal in seiner Karriere das Halbfinale - und denkt nun nicht mehr ans Karriereende.

Petra Philippsen

London - Rainer Schüttler gehört nicht zu jener Sorte Spieler, die eine Niederlage gut verkraften können. Zu sehr hadert der Perfektionist in ihm mit der verpassten Möglichkeit, an die er stets glaubt. Schüttler weiß, was er sich auf dem Tennisplatz zutrauen, was er von sich erwarten kann. Löst er diese Erwartung sich selbst gegenüber aber nicht ein, dann potenziert sich seine Frustration um ein Vielfaches, und schnell beginnt er, sein gesamtes Dasein als Profisportler in Zweifel zu ziehen. Schüttler erlebte diese Tiefphase jedoch nicht nur über einige Wochen hinweg. Vielmehr erging es ihm so während der letzten drei Jahre, als der 32-jährige Hesse eine Serie von Misserfolgen durchmachte, die schier nicht abreißen wollte. Schüttler befand sich im freien Fall, rutschte zeitweilig sogar bis auf Rang 155 der Welt ab. Kaum jemand interessierte sich in jener Zeit noch für die ehemalige Nummer fünf der Welt, die es 2003 bis ins Finale der Australian Open geschafft hatte. Und niemand traute ihm noch die Rückkehr auf die große Tennisbühne zu.

Doch in Wimbledon gelang Schüttler tatsächlich das Unmögliche, und er erreichte zum ersten Mal in seiner 13-jährigen Profikarriere das Halbfinale beim wichtigsten und prestigeträchtigsten Turnier der Welt. Gerade war Schüttlers Märchen vom spanischen Titelanwärter Rafael Nadal mit 1:6, 6:7 und 4:6 beendet worden, doch von Frustration war dieses Mal keine Spur. Schüttler strahlte so glücklich, wie man es lange nicht bei ihm gesehen hatte. Er schien mit sich im Reinen, genoss es sichtlich, dass er es sich selbst und wohl auch seinen Kritikern noch einmal zeigen konnte. „Ich bin einfach nur überwältigt, das war ein unglaubliches Turnier für mich“, sagte Schüttler: „Ich habe immer gewusst, dass ich es noch in mir habe.“

Auf dem Weg in die Runde der letzten Vier hatte er unter anderem den Weltranglistenachten James Blake bezwungen und den Franzosen Arnaud Clement in einem epischen Match, das über zwei Tage hinweg in über fünf Stunden geführt wurde, niedergerungen. Und auch von Nadal hatte er sich nur im ersten Satz überrollen lassen und bot dem Weltranglistenzweiten danach einen guten Kampf, der ihn ein wenig mit Stolz erfüllte. Denn nur wenigen Spielern gelingt es, das spanische Kraftpaket von der Grundlinie aus zumindest phasenweise zu dominieren und am Netz auszukontern. Für eine weitere Überraschung reichte es nicht, doch Schüttlers beherzte Leistung brachte ihm von den Zuschauern auf dem Centre Court eine Verabschiedung mit Stehenden Ovationen ein. „Daran werde ich mich bestimmt immer erinnern“, sagte Schüttler.

Schüttler wusste genau, welche Menschen für ihn während seiner sportlichen Krise da waren, wer ihn immer wieder aufbaute, als eine Knieoperation nötig wurde und er fast ein Jahr brauchte, um sich vom Pfeifferschen Drüsenfieber zu erholen. Seine Familie und sein Langzeittrainer Dirk Hordorff waren es, die Schüttler nie von der Seite wichen und ihn darin bestärkten, seine Karriere noch nicht zu beenden. „Sie haben immer an mich geglaubt und deshalb konnte ich dann auch an mich glauben“, erklärte Schüttler. Daher war es ihm auch so wichtig, seine Eltern bei seinem ersten Match auf dem Centre Court dabei zu haben, auch wenn es ihn einige Überredungskünste kostete: „Ich musste lange kämpfen, damit sie kommen. Sie wollten lieber von zuhause aus zuschauen, doch meine Schwester hat sie zum Glück noch überzeugt.“

Schüttler freute sich sichtlich darüber, dass er schon nach seinem Sieg gegen Blake so viel Lob und etliche Glückwünsche von Spielern und Trainern erhielt. „Ich habe großen Respekt vor Rainer“, sagte Thomas Haas. „Jeder freut sich für ihn, weil er immer hart gearbeitet hat. Ich wüsste nicht, ob ich diesen Weg hätte gehen können. Vermutlich hätte ich in seiner Situation längst aufgehört.“ Auch Nicolas Kiefer lobte Schüttlers Comeback. Kiefer weiß ebenso wie Haas, was es bedeutet, sich nach Verletzungspausen zurückzukämpfen. Ihnen gelang es aber stets im Eilverfahren, Schüttler brauchte dagegen den langen Atem. Doch er biss sich durch und wird dafür mit einem Sprung in der Weltrangliste von Platz 94 zurück unter die besten 40 belohnt. Wie weit ihn der Weg im Endspurt seiner Karriere noch führen kann, vermochte Schüttler jedoch selber nicht einzuschätzen.

Entscheidend sei für ihn allein, dass der Spaß an seinem Sport zurückgekehrt sei. „Ich habe immer gesagt, dass ich so lange weitermache, wie mich meine Beine noch tragen. Und jetzt fühle ich mich wieder fit, da will ich sicher noch nicht aufhören.“ Noch vor einem Jahr hatte Schüttler die Olympischen Spiele in Peking als perfekten Abschluss seiner Karriere anvisiert, den Gedanken hat er seit Wimbledon jedoch wieder verworfen. Auf eine Nachnominierung darf er in den nächsten Tagen aber dennoch hoffen, denn der Deutsche Olympische Sportbund hatte sich bereit erklärt, einen Doppelpartner für Kiefer zu nominieren. Schüttler könnte nun noch als Härtefall gewertet werden und damit wie in Athen 2004 an der Seite des Hannoveraners zum Einsatz kommen. Und Schüttler hat schon ganz andere Überraschungen erlebt. Petra Philippsen

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