Sport : Nach Hause gehen und nachdenken

Hertha BSC verliert 1:2 gegen den FC Schalke 04 und fällt durch diese Niederlage aus den Uefa-Cup-Rängen

Michael Rosentritt

Berlin - Marcelinho ist ein sehr gefühliger Fußballer. Wenn er sich rundum wohl fühlt, mündet sein Tun auf dem Rasen oft in Spielkunst. Wenn nicht, verliert er seinen Zauber. Bisweilen kann er dann sogar zum Hindernis für die eigene Mannschaft werden. So schlimm war es gestern bei der 1:2 (1:2)-Heimniederlage von Hertha BSC gegen den FC Schalke 04 nicht, aber Marcelinho guckte hinterher aus tief traurigen Augen und sagte: „Wir Spieler sollten jetzt nach Hause gehen und über die vergangene Woche nachdenken.“

Es war für Hertha eine ereignisreiche Woche, eine, die schon in Wolfsburg (1:1) schlecht anfingt, mittendrin im Uefa-Pokal gegen Bukarest (0:1) schlimmer wurde und gestern mit der Niederlage gegen den Erzrivalen einen gewissen Höhepunkt auf der negativen Stimmungsskala erreichte. Zwischen Bukarest und Schalke wurden verschiedene Szenarien durchgesprochen. Schließlich hatte der Mannschaftsrat auf Drängen der sportlichen Leitung den brasilianischen Star ins Gebet nehmen müssen. Eine Maßnahme, die nach Hilflosigkeit aussah.

Seit mehr als drei Monaten hat der Berliner Bundesligist zu Hause nun nicht mehr gewonnen. Im Uefa-Pokal droht kommenden Donnerstag in der rumänischen Hauptstadt das Aus, und in der Bundesliga rutschte Hertha aus den internationalen Rängen. Nach dem zehnten sieglosen Pflichtspiel geraten Spieler, Manager und insbesondere der Trainer immer mehr unter Druck. Vor dem Spiel war Falko Götz von den knapp 51 000 Zuschauern im Olympiastadion wütend ausgepfiffen worden. Nach dem Spiel wurde er gefragt, ob er am kommenden Wochenende noch Trainer von Hertha BSC ist? Götz blickte etwas erregt in die Runde uns sagte: „Was soll ich mir heute darüber Gedanken machen?“

Götz, der zuletzt vor allem wegen seiner zaghaften Taktik und nicht nachvollziehbaren Einwechselungen kritisiert worden war, sah sich gegen Schalke zu Korrekturen veranlasst. Auch weil in Arne Friedrich und Malik Fathi zwei Abwehrspieler fehlten. Immerhin gelang ihm so etwas wie die Quadratur des Kreises: Er bot erstmals in der Rückrunde – wie von den Fans vehement gefordert – zwei Stürmer auf, hielt aber auch an seinem Fünfer-Mittelfeld fest. Dafür musste ein Abwehrspieler weichen, aus der Vierer- wurde eine Dreierkette. Aber in der gab es einige Abstimmungsprobleme. Schon nach fünf Minuten ließ Alexander Madlung den Schalker Gerald Asamoah in seinem Rücken davonlaufen, der Nationalspieler überwand Torhüter Christian Fiedler zum 1:0. „Wir haben zu den blödesten Zeitpunkten die Gegentore bekommen“, sagte Götz. Das zweite Tor der Gäste fiel in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Erneut war Madlung ein Stellungsfehler unterlaufen, so kam der Bosnier Zlatan Bajramovic frei zum Schuss. Den ersten Versuch konnte Fiedler noch abwehren, doch im Nachschuss traf Bajramovic. In der Zwischenzeit hatte sich Hertha ins Spiel zurückgekämpft. Die Berliner wirkten engagierter, gewannen mehr Zweikämpfe und hatten insgesamt mehr Ballbesitz. Doch ihr Offensivspiel war durchschaubar. So resultierte der zwischenzeitliche Ausgleich nach etwas mehr als einer halben Stunde aus einem Freistoß. Marcelinho hob den Ball von der linken Seite in den Schalker Strafraum, Torhüter Frank Rost setzte zur Faustabwehr an, prallte dabei gegen seinen Mitspieler Kevin Kuranyi, stürzte und blieb regungslos auf dem Boden liegen – Madlung traf ins Tor.

Nach der Pause mühte sich Hertha, aber wie? Selbst in Überzahl (Ernst hatte nach gut einer Stunde die Gelb-Rote Karte gesehen) versuchten es die Berliner mit langen Bällen in den Fünfmeterraum, die Torhüter Rost vor wenig Probleme stellten. So entwickelte sich ein Spiel auf ein Tor, ohne dass die Berliner auch nur einen halbwegs gefährlichen Torabschluss fanden. Im Gegenteil, Hertha hatte noch Glück, dass die Schalker ihre Konter nicht nutzten. Den besten vergab Lincoln, der alleine auf Herthas Tor zulief, aber mit einem lässigen Schuss an Fiedler scheiterte.

„Mit der ersten Halbzeit bin ich ganz zufrieden“, sagte Dieter Hoeneß, mit der zweiten war er es nicht. „Wir haben in Überzahl zu wenig getan, zu wenig Druck aufgebaut“, monierte der Manager. Zu vermissen war ein Flügelspiel und damit die Voraussetzung für wirkungsvolles Powerplay. „Unsere Bemühungen sind verpufft“, sagte Hoeneß und zeigte gleichfalls Verständnis für die Enttäuschung der Fans.

Während Schalkes Trainer Mirko Slomka von einem „verdienten Sieg“ sprach und mit seiner Mannschaft seit fünf Pflichtspielen ungeschlagen bleibt, klammerten sich Hoeneß und Götz an positive Ansätze in den eigenen Reihen. So habe Marcelinho „engagiert für die Mannschaft gearbeitet“ (Hoeneß) und das Sturmduo Marko Pantelic/Vaclav Sverkos „phasenweise Druck ausgeübt“ (Götz), aber die Situation hat sich bei Hertha keinesfalls beruhigt. Die Spieler sind angeschlagen, durch Unbeherrschtheiten schwächen sie sich zusätzlich. Kommenden Sonntag in Duisburg werden Pantelic und Niko Kovac nach ihrer jeweils fünften Gelbe Karte fehlen. Dass Gilberto kurz vor Schluss noch die Gelb-Rote Karte sah, macht die Lage nicht einfacher. Es war der fünfte Platzverweis für die Berliner innerhalb einer Woche.

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