Sport : Nach Sampras wirft nun auch Titelverteidiger Rafter bei den US Open das Handtuch

Jörg Allmeroth

Die Turnierbosse und TV-Gewaltigen bei Amerikas Grand-Slam-Schauspiel hatten gerade den Rückzug von Pete Sampras verdaut, da erschütterte in der Nachtvorstellung des Dienstags die nächste schlechte Nachricht die US Open: Beim Stande von 0:1 im fünften Satz eines Tennis-Krimis gegen Cedric Pioline (Frankreich) kapitulierte Titelverteidiger Patrick Rafter vor seinen Schulterschmerzen und bereitete seinem aussichtslos gewordenen Kampf im Arthur-Ashe-Stadion ein Ende. "Ich hatte keine Kraft mehr. Es war die reinste Tortur", sagte Rafter. 6:4, 6:4, 3:6, 5:7, 0:1 stand es zum Zeitpunkt seiner Aufgabe. Binnen weniger Stunden hatte das Turnier mit Sampras und Rafter zwei der "großen Drei" verloren, als charismatische Figur verblieb einzig Andre Agassi.

Für Insider kam Rafters Aufgabe nicht überraschend. Der Sieger der Jahre 1997 und 1998 war bereits mit Verletzungssorgen in das Turnier gegangen. Nach den strapaziösen Hartplatzturnieren des amerikanischen Sommercircuits hatte der Australier zuletzt in Indianapolis wegen der Entzündung in seiner rechten Schulter den Wettbewerb vorzeitig beendet. Doch die zehntägige Pause kam zu spät für den überlasteten Körper: Vom starken Pioline gleich bis ans Limit gefordert, stellten sich im dritten Satz wieder Schmerzen ein. Nur der starke Wille hielt den still leidenden Rafter bis zum Beginn des fünften Satzes auf den Beinen. Erstmals in der US-Open-Geschichte schied mit Rafter ein amtierender Titelträger zum Turnierauftakt aus.

Das Verletzungs-Drama um Rafter war der Höhepunkt eines "schwarzen Dienstags" in Flushing Meadow, der mit dem erzwungenen Abgang des weltbesten Spielers Pete Sampras begonnen hatte. Selbst der härteste Rivale Agassi war über das plötzliche Verletzungspech der Nummer eins geschockt: "Die Absage von Pete zeigt, wie zerbrechlich eine Sportkarriere sein kann. Ich hoffe, dass er bald wieder gesund zurückkommt." Der schmerzvolle Anriss einer Bandscheibe, den sich Sampras beim lockeren Training zugezogen hatte, nahm den US Open bereits den Thrill. Sampras hatte allen Ehrgeiz auf den Gewinn des dreizehnten Grand-Slam-Turniers und die alleinige Top-Position in der ewigen Bestenliste vor dem Australier Roy Emerson verwenden wollen. "Hier in New York Tennisgeschichte zu schreiben, wäre ein Traum für mich gewesen", sagte Sampras traurig. "Diese Absage war der bitterste Moment meiner Karriere. Ich war bereit für einen großen Sieg, die ganze Dramaturgie der letzten Wochen war perfekt."

Die 48 Stunden zwischen dem Ausbruch der Verletzung und der Diagnose nannte Sampras die "reine Hölle": "Jede Bewegung, jeder Schritt war eine einzige Qual." Für vier Wochen verordnete US-Open-Chefmediziner Brian Heinlein absolute Ruhe und regelmäßige physiotherapeutische Behandlung. Auch, um chronischen Rückenbeschwerden durch die Blessur im sensiblen Bandscheibenbereich vorzubeugen, fügte sich Sampras dem Verdikt der Ärzte: "Ich will nicht nach dem Ende meiner Karriere mit einem Buckel durch die Gegend laufen." Eilig aufkommende Spekulationen über ein Karriereende wehrte er ab: "Ich werde noch einige Male bei den US Open starten."

Auch für das kommerzielle Business in Flushing Meadow war der Rückzug von Sampras und Rafter ein schwerer Schlag: Denn nicht nur der mögliche Zweikampf um den Titel zwischen Agassi und Sampras, sondern auch das Positionsgerangel um Platz eins in der Weltrangliste hatte nach langer Enthaltsamkeit wieder Sponsoren mobilisiert und die Werbebuchungen im Fernsehen auf altes Spitzenniveau getrieben. Einen Rückzieher bei nicht fest zugesagten Reklamezeiten könnte jetzt nur eine möglichst schlagkräftige US Open-Kampagne des schillernden Agassi und ein zeitgleicher Vormarsch von Lindsay Davenport und Venus Williams bei den Damen vermeiden.

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