Nach Wimbledon-Sieg gegen Nadal : Dustin Brown: Star für einen Tag?

Dustin Brown feiert seinen Wimbledon-Sieg über Rafael Nadal – doch als deutscher Hoffnungsträger taugt er deshalb trotzdem nicht.

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Die Frisur sitzt seit fast 20 Jahren. Dustin Brown bei seinem Sieg gegen Nadal, am Sonnabend spielt er in der dritten Runde gegen den Serben Viktor Troicki. Foto: dpa
Die Frisur sitzt seit fast 20 Jahren. Dustin Brown bei seinem Sieg gegen Nadal, am Sonnabend spielt er in der dritten Runde gegen...Foto: dpa

Auch am Tag danach hatte der Rummel um den Mann, der Rafael Nadal am Donnerstagabend so sensationell in der zweiten Runde aus dem Turnier in Wimbledon katapultierte, nicht abgenommen. Und Dustin Brown genoss das Tamtam. Es war sein großer Moment, und von denen hatte der 30 Jahre alte Niedersachse in seiner Karriere wahrlich nicht viele gehabt. Doch nun überschlugen sich die britischen Blätter mit Lobeshymnen auf den Deutsch-Jamaikaner, der die Partie seines Lebens gespielt hatte. Brown hatte mit dem zweimaligen Wimbledonchampion mit 7:5, 3:6, 6:4 und 6:4 kurzen Prozess gemacht. Für den „Guardian“ hatte er Nadal schlicht „weggepustet“. Größer als die Schlagzeilen waren dann nur noch die spektakulären Fotos von Brown mit seinen langen Rastalocken. Seit August 1996 ließ er sich seine Haare nicht mehr schneiden. Nun sind sein Look und er weltberühmt. „Es ist noch nicht alles eingesickert“, sagte Brown, „aber es ist unglaublich, dass ich beim ersten Mal auf dem Centre Court so ein Match abliefere - da war ich von mir selber überrascht.“

Auch Nadal wirkte perplex, obwohl ihn seine Niederlage gegen Brown beim ATP-Turnier in Halle vor einem Jahr vorgewarnt hatte. Doch Ostwestfalen ist eben nicht Wimbledon. Und der Spanier hatte vermutet, dass Brown irgendwann nervös werden müsse. Schließlich hat es Gründe, dass dieser nur auf Platz 102 der Weltrangliste steht. Aber dieses Mal brach er nicht ein, Brown spielte wie entfesselt und hatte sofort die Zuschauer in seinen Bann gezogen. Bei ihm geht es immer nur Bum-Bum. Immer Vollgas, immer nur volle Wucht. 99 Mal spielte Brown gegen Nadal Serve-and-Volley, 71 Mal mit Erfolg. Und der bedingungslose Angriff war auch die einzige Taktik, die gegen den verunsicherten Nadal wirken würde.

„Das war eine der besten Vorstellungen eines Underdogs aller Zeiten“, bejubelte ihn mit John McEnroe einer der Altmeister dieser eigentlich längst aus der Mode gekommenen Spielart. Aber Brown ist eben ein ungewöhnlicher Typ. „Ich bin wie ich bin“, sagt er selbst, „ich spiele keine Rolle, so bin ich einfach.“

Die ganze Welt interessiert sich plötzlich für Dustin Brown

Über Nacht hatte Brown dann auch gleich 20 000 Follower mehr bei Twitter, und alle Welt interessiert sich plötzlich für ihn. Und der pflegt gerne sein lässiges Image, obwohl er aus dem beschaulichen Celle in Niedersachsen stammt. Ohrringe und Zungenpiercing bleiben auch beim Spielen drin und man sieht ihn selten ohne die großen Kopfhörer, auf denen aber meist Hip Hop und R’n’B läuft – und selten Bob Marley. Der ist auch nicht auf dem großen Tattoo auf seinem Bauch abgebildet. Es ist ein Portrait seines Vaters Leroy, dem Jamaikaner.

Und das Bild tätschelte Brown nach dem Matchball sofort liebevoll, der Sieg war für ihn und seine ganze Familie. „Es war ein langer, harter Weg für uns alle“, sagte Brown. Den größten Teil davon legte er in einem alten VW-Campingbus zurück, den ihm seine Eltern vor 13 Jahren zum Start seiner Profikarriere kauften. Mehr Unterstützung war nicht drin, und so sparte Brown zumindest Flüge und Hotels und tingelte jahrelang im Camper zu drittklassigen Challenger- und Future-Turnieren. Mit mäßigem Erfolg, Brown dümpelte lange zwischen Rang 800 und 400. Das Preisgeld reichte für Essen und die nächste Tankfüllung. Aber es reichte nie für einen Coach. Brown lernte mühsam durch abgucken bei anderen Spielern. Sporadisch half der befreundete Coach Kim Wittenberg ein paar Tage aus, doch das war zu wenig, um dauerhafte Stabilität in sein Spiel zu bekommen und seine unorthodoxe Technik zu verbessern. So lebt Brown davon, dass er manchen Gegner an guten Tagen mit seiner Art aus der Ruhe bringen kann.

Nun ist der fast zwei Meter große Brown aus Celle der letzte verbliebene Deutsche in Wimbledon und zweifellos ein richtig guter Typ, doch mit seinen 30 Jahren taugt auch er nicht zum Hoffnungsträger für das darbende deutsche Männertennis. Dustin Brown hatte gegen Nadal das Spiel seines Lebens, auf seinem Lieblingsbelag. Doch vor zwei Jahren bezwang er dort bereits mit Lleyton Hewitt einen weiteren Champion, verlor danach in der dritten Runde gegen den Qualifikant Adrian Mannarino. Heute wartet der Serbe Viktor Troicki, die Nummer 24. Mit einem erneuten Höhenflug ist nicht zu rechnen. Das weiß auch Brown selbst. „Ich muss einfach damit leben, dass meine Leistungsspanne sehr breit ist. Mal spiele ich fantastisch, danach wieder furchtbar.“ Ob er es diesmal schafft, das Muster zu durchbrechen?

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