Nachbetrachtung : Brasilien schaut auf Hertha

Fußball ist überall dasselbe? Unsere brasilianische Austausch-Journalistin Denise Menchen berichtet, wie sie den 2:1-Sieg von 1860 München bei Hertha BSC am letzten Freitag erlebte.

Denise Menchen
Stimmung gut, Hertha nicht. Immerhin gewinnt Kapitän Andre Mijatovic diesen Zweikampf gegen Daniel Halfar.
Stimmung gut, Hertha nicht. Immerhin gewinnt Kapitän Andre Mijatovic diesen Zweikampf gegen Daniel Halfar.Foto: dapd

In den Zeitungen, im Fernsehen und im Freundeskreis: überall in Berlin wurde der vorzeitige Aufstieg von Hertha BSC in die Bundesliga kommentiert. Die Begeisterung der Fans hat auch auf mich gewirkt. Letzte Woche habe ich mich entschieden, zum Spiel gegen 1860 München zu gehen - und so auch das berühmte Olympiastadion kennen zu lernen. Doch auch wenn es beim Fußball überall auf der Welt eigentlich nur darum geht, ein Tor zu schießen und selbst keins zu kassieren, so gibt es doch Unterschiede zwischen dem Fanverhalten in Deutschland und Brasilien.

Es fängt schon beim Kartenkauf an. Am Donnerstag vor Ostern hatte mein Mann die Tickets per Internet bestellt. Am Montagabend, als wir von einer kurzen Reise zurückkamen, lagen sie schon im Briefkasten. So leicht hatte ich es mir nicht vorgestellt. In Rio muss man normalerweise in der Schlange warten, um die Karte zu kaufen. Die nummerierten Sitzplätze waren für mich im diesem Zusammenhang auch neu. 

Am Tag des Spiels machte ich mich mit der U-Bahn auf den Weg zum Olympiastadion, so wie ich auch in Rio ins Maracanã gefahren bin, als die Spiele da noch stattfanden. Vor ein paar Monaten wurden sie ins Engenhão verlegt, weil das Maracanã für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 renoviert wird. Merkwürdig fand ich dabei nur, dass das Spiel so früh anfing. Wenn man die Arbeit in Rio gegen 16.45 verlassen müsste, um eine Partie um 18 Uhr zu sehen, wären die Stadien wahrscheinlich meistens leer. 

In diesem Punkt sollte ich mich vielleicht bei den Herthafans entschuldigen, die am Freitag so eine schöne Choreografie veranstaltet haben. Das erste aber, was meine Aufmerksamkeit im Stadion erregt hat, war nicht das schöne Schaukeln der Fahnen und das begeisterte Singen der Zuschauer. Das kenne ich ja aus Brasilien. Die vielen Imbissmöglichkeiten, die man im Stadion finden kann, habe ich aber als einen wesentlichen Vorteil hier in Deutschland empfunden: überall waren Bratwurst, Currywurst, Hot Dog, Crepes, Pommes, Eis, Bier und sogar Sangria zu bekommen. Schade nur, dass die Pause auch nicht länger ist als im Maracanã. So habe ich die ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit in der Warteschlange verpasst. Wobei mir die Frage in den Sinn gekommen ist, warum Speisen und Getränke eigentlich nicht im selbem Kiosk verkauft werden?

Während des Spiels waren die Statistiken und die Wiederholung der Tore auf der Anzeigetafel eine weitere Überraschung. Das mit den Toren fand ich ganz gut, denn manchmal verpasst man ja einige Details. Doch die Statistiken, die immer mit einer Musik präsentiert wurden, fand ich ablenkend. Wenn sie aber wiederum so umfassend wären, dass mein Mann nach einem Spiel sich nicht direkt vor den Fernseher setzt, um sich stundenlang Zusammenfassungen anderer Begegnungen anzuschauen, könnte ich mir diese Neuerung für Brasilien ganz gut vorstellen. 

Das was den Fußball ausmacht, passiert aber normalerweise auf dem Feld. Und da haben mich die beiden Vereine nicht so sehr beeindruckt. Klar, die Mission von Hertha war zwar schon erfüllt, wie auf vielen Fan-Shirts stand, aber genau deswegen hätte ich ein schöneres Spiel erwartet. Wo war die Spielfreude? Wo die kreativen Spielzüge, die man sich doch viel eher zutrauen kann, wenn man nicht unbedingt gewinnen muss? 

Am Ende aber war es der Schiedsrichter, der den größten Unterschied zu Brasilien ausmachte. Denn ich kann mir kaum vorstellen, dass in meiner Heimat ein Tor für die Heimmannschaft in der letzten Minute nicht gegeben worden wäre. Immerhin ließen sich die Hertha-Fans dadurch die Stimmung nicht verderben. 

Denise Menchen arbeitet als Gastredakteurin neun Wochen lang für den Tagesspiegel. Sie stammt aus Porto Alegre und ist über das internationale Journalistenaustauschprogramm IJP nach Berlin gekommen. In ihrer Heimat Brasilien arbeitet sie in der Lokalredaktion der Tageszeitung Folha de S.Paulo in Rio de Janeiro.

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