Sport : Nachfolgeregelung

Daniel Pontzen

Man stelle sich vor, man hat seinem Arbeitgeber über Jahre hinweg weit mehr als die geschuldete Leistung erbracht, maßgeblichen Anteil an einer Rekordbilanz gehabt und bekomme schließlich mitgeteilt, nun nicht mehr so recht erwünscht zu sein. Es stehe da jemand bereit, ein Nachfolger, der, mit Verlaub, viel jünger sei und ein bisschen besser. Und der dafür, dass er kommt, gleich einen kleinen Vorschuss erhält. Vermutlich würde man dann genauso die Lippen aufeinander pressen und ernst schauen, so wie Stefan Effenberg es tut, als er über das Aufeinandertreffen mit Michael Ballack sinnt - das Nebenduell beim Duell der Duelle: Bayern München gegen Bayer Leverkusen, Rekordmeister gegen Rekordzweiten, Tabellenfünfter gegen Tabellenführer (heute, 17.30 Uhr, live auf Premiere World).

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Wie wichtig das Spiel für Effenberg ist, zeigt sich daran, dass er beharrlich darauf hinweist, wie unwichtig es ist: "Ich sehe das nicht als Spiel der Spiele. Für Bayern kann so etwas kein Spiel der Spiele sein", sagt er. Man kann seine Aussage auf unterschiedliche Weise interpretieren. Lesart eins: Effenberg betont, dass ein solches Ligamatch viel zu gewöhnlich ist, um in der Erfolgsgeschichte Effenberg/Bayern einen besonderen Platz einzunehmen. Lesart zwei: Effenberg baut vor - für den unheilvollen Fall einer Niederlage. Die erfolgreiche Liaison zwischen Bayern und Effenberg könnte nach dreieinhalb Jahren und sechs Titeln ein vorzeitiges Ende nehmen. Denn bei einer Niederlage, das weiß auch Effenberg, "sind wir raus aus dem Titelrennen". Das achte Spiel ohne Sieg im achten Spiel nach seiner Rückkehr: Effenbergs Ära wäre Geschichte. "Dann wird es ungemütlich, in München Fußball zu spielen", sagt er.

Michael Ballack, der ab Juli Regie führen soll beim neuen FC Bayern, könnten ebenfalls ungemütliche Spiele für seinen neuen Arbeitgeber bevorstehen. Vorausgesetzt, seine jetzige Mannschaft gewinnt heute. Denn sollten die Bayern nach dem 20. Spieltag elf Punkte Rückstand auf Leverkusen haben, rückt sie immer näher, die Schreckensvision der Tingeltour über Europas Fußball-Hinterhof, kurz: Uefa-Cup. Steckt Ballack in der Zwickmühle? "Ich werde auf alle Fälle 100 Prozent für meinen aktuellen Klub geben. Ich will mit Bayer Leverkusen Meister werden", antwortet er auf die immergleiche Frage.

Schon aus purem Eigennutz wird er sich anstrengen: Erst seit Saisonbeginn gelingt es ihm, das Bild des satten Salonfußballers abzustreifen. Noch ein wenig mehr Anerkennung in der neuen Heimat kann ihm da nicht schaden. Ein überzeugender Auftritt, einmal den Vorgänger in den Schatten stellen; es reichte aus, um alle Diskussionen über Sinn und Preis seiner Verpflichtung überflüssig zu machen. Vor dem Anpfiff gibt er sich höflich bescheiden: In München "haben wir sowieso nie was erreicht. Mit diesen drei Punkten rechnen wir nicht."

Dabei stehen die Chancen günstig wie selten, in die Fußstapfen der Lesniaks & Co. zu treten, die für Bayer 04 zuletzt vor zwölfeinhalb Jahren (damals noch zwei) Punkte aus dem Olympiastadion entführten. Im Gegensatz zu den letzten sieben Dienstreisen zum FC Bayern, die nicht einen Zähler einbrachten, fährt die Mannschaft diesmal mit mäßigem Respekt in den Süden, oder, um Manager Reiner Calmunds Talent für Symbolsprache gerecht zu werden: "Als wir dort bei unseren letzten Spielen auf den Platz kamen, roch es ganz erheblich nach Scheiße, so sehr hatten wir die Pampers voll. Diesmal werden wir die Windeln zu Hause lassen."

Das wird den Bayern stinken. Nach der erkennbaren Steigerung im Pokal in Kaiserslautern bleiben dem Titelverteidiger diesmal nur 90 Minuten, um die letzte Chance auf die vierte Meisterschaft in Folge zu wahren. "Das Team ist enger zusammengerückt", berichtet Trainer Hitzfeld. Ob noch Platz bleibt für den Kapitän? Eineinhalb Stunden hat er Zeit, es zu beweisen.

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