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Benedikt Voigt

Man kann davon ausgehen, dass die Vogelgrippe in den vergangenen 5000 Jahren chinesischer Geschichte lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Sonst wären dort nicht so zahlreiche Metaphern und Weisheiten aus dem Bereich der Ornitologie überliefert. Das Huhn zum Beispiel wird in China nicht nur mit H5N1 oder süß-saurer Soße in Verbindung gebracht, sondern kann auch eine besondere Eigenschaft einer Ehefrau veranschaulichen. „Das Huhn kündigt den Morgen an“, sagt der Chinese und meint: Hier hat die Frau die Hosen an.

Unsere aktuelle Weisheit stammt aus dem Shiji, dem ältesten Geschichtsbuch Chinas. Der Hofastrologe und Historiker Sima Qian hat sie vor rund 2100 Jahren niedergeschrieben, und noch heute wird dieser Sinnspruch in China gerne zitiert: „Die Sehnsucht des Schwans ist dem Spatzen fremd.“ Fragt sich allerdings: Was will der Schwan? In der chinesischen Metaphorik steht er für Größe und Eleganz, mit seinen breiten Schwingen kann er weite Strecken zurücklegen. Will er also das Große, das Schöne, das Weitentfernte? Anders der Spatz, er symbolisiert das Kleine, aber auch Umtriebige und Fröhliche. Sein Horizont gilt als beschränkt, was der entscheidende Hinweis sein könnte, wie der aktuelle Sinnspruch zu verstehen ist: Wer andere Möglichkeiten hat, hat auch andere Ziele. Womit wir bei den Olympischen Spielen wären.

Bei den Spielen von Sydney hatte sich der holländische Schwimmer Pieter van den Hoogenband über 100 Meter die Goldmedaille zum Ziel gesetzt. Für Eric Moussambani aus Äquatorialguinea ging es über die gleiche Distanz allein darum, nicht im olympischen Schwimmbecken unterzugehen. Es ist ihm gelungen. Nicht immer wird der Unterschied der Möglichkeiten so deutlich wie an diesem Beispiel, doch Favoriten und Außenseiter, Schwäne und Spatzen, gibt es in jedem Wettbewerb. Wenn also womöglich in Peking der chinesische Goldfavorit über 110 Meter Hürden, Liu Xiang, den deutschen Sprinter Thomas Blaschek fragt, warum dieser sich so sehr über einen siebten Platz freue, könnte ihm Blaschek von der Sehnsucht des Schwans und der des Spatzen erzählen. Benedikt Voigt

— An dieser Stelle trainieren wir schon einmal für die Olympischen Spiele in der Disziplin Sprücheklopfen. Die Weisheit stammt aus Buch „Chinesische Aphorismen – berühmte Sprüche chinesischer Denker aus fünf Jahrtausenden“, erschienen im Sinolingua-Verlag.

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