• Nachruf auf Boxchamp Teofilo Stevenson: Was wichtiger war, als eine Million Dollar

Nachruf auf Boxchamp Teofilo Stevenson : Was wichtiger war, als eine Million Dollar

Profi wollte er nie werden, der Box-Champion und kubanische Nationalheld Teofilo Stevenson. Unser Box-Experte Michael Rosentritt erinnert sich in einem sehr persönlichen Nachruf an das verstorbene Idol.

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Teofilo Stevenson (1952 - 2012).
Teofilo Stevenson (1952 - 2012).Foto: AFP

Es war ein heißer Sommertag 1972. Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in München hatte die kubanische Boxstaffel ihr mehrtägiges Trainingscamp in Ost-Berlin beendet. Von Grünau aus waren sie zu uns nach Hause aufs Grundstück am südlichen Stadtrand gekommen. Es wurde gegrillt, geschwatzt und natürlich getanzt. Kubaner sind fantastische Tänzer. Es ist dieses Gemisch aus Takt und Temperament, was ihre Kunst so unwiderstehlich machen kann. Denke ich an Kuba, denke ich ans Tanzen und Boxen. Und jetzt denke ich an Teofilo Stevenson. Er ist tot. Verstorben und beerdigt auf Kuba.

Er war damals dabei an jenem Sommertag. Ich war ein Kind von gut sechs Jahren, und er so groß und stark und freundlich. In meinen Kinderaugen war er der Größte. Und nicht Ali, zu dessen Kämpfen wir selbstverständlich tief in der Nacht aufgestanden sind und sie mit halbgeschlossenen Augen am Fernseher verfolgten. Ali war groß, aber weit weg. Teofilo war hier, bei uns im Garten.

Mein Vater war kurz nach der Revolution nach Kuba gegangen, um den Boxsport aufzubauen. Das tat er zusammen mit dem sowjetischen Trainer Andrej Tscherwonenko. In ihrem Schlepptau hatten sie einen gewissen Alcides Sagarra mit einem Notizblock in der Hand. Später wurde Sagarra zum erfolgreichsten Boxtrainer der Welt.

Sagarra hatte meinen Vater als Nationaltrainer nach den Spielen von Rom (1960), Tokio (1964) und Mexiko (1968) abgelöst. Doch die enge Verbindung war mit einer der Gründe, weshalb sich die kubanische Boxstaffel in Berlin vorbereitete. Nun also saßen sie bei uns in der Sonne an der langen, aus mehreren Tischen zusammengestellten Tafel und verbrachten fröhliche Stunden. Ich hatte nur Augen für Teofilo, diesen mächtigen Mann.

Stevenson 1998 mit dem schwerkranken Ali.
Stevenson 1998 mit dem schwerkranken Ali.Foto: Reuters

Kubaner sind stolze Menschen. Und er war der stolzeste von allen. Wie durchgedrückt sein Rücken war, wie aufrecht er seinen Kopf trug. Fast ein bisschen arrogant. Und doch war er voller Herzlichkeit und Wärme. So habe ich ihn kennen gelernt; wie er mich in seine riesigen Hände nahm und wie ein Nichts auf seine Schultern warf, wie wir so über den Rasen liefen. Als mich am Abend ein Freund aus der Nachbarschaft besuchte, öffnete Teofilo Stevenson ihm die Tür. Es war so, wie mir mein Freund später erzählte, als sei die Tür gar nicht geöffnet worden. Stevenson füllt den ganzen Rahmen aus.

Diese frühen Bilder haben sich mir eingebrannt. Es sind die Bilder eines Hünen, knapp zwei Meter groß, breit, schwarz und Oberarme wie andere Beine haben. Teofilos Vater war in den Zwanzigerjahren aus St. Vincent nach Kuba eingewandert, seine Mutter, Dolores Lawrence, war Kubanerin. Ihre Eltern stammten von der Karibikinsel St. Kitts.

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