Nachruf : Jörg Berger: Ein Mann für schwere Fälle

Jörg Berger hat immer kämpfen müssen – nun hat er seinen schwersten Kampf verloren: Mit 65 Jahren erlag der Fußballtrainer einem Krebsleiden. Ein Nachruf.

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Jörg Berger (1944 - 2010) Foto: ddp
Jörg Berger (1944 - 2010)Foto: ddp

Die zweite Halbzeit im Leben des Jörg Berger begann in einem Zug von Belgrad nach Österreich. Der Trainer der DDR-Junioren hatte eine Länderspielreise nach Jugoslawien zur Flucht genutzt, in der bundesdeutschen Botschaft war ihm ein gefälschter Pass auf den Namen Gerd Penzel ausgestellt worden, und trotzdem drohte das Unternehmen in letzter Minute zu scheitern – an einem jugoslawischen Grenzbeamten, der Bergers Papiere äußerst sorgfältig kontrollierte. Nachdem er dem vermeintlichen Gerd Penzel den Pass zurückgegeben hatte, verabschiedete sich der Grenzer mit den Worten: „Und nun, Herr Berger, viel Glück im Westen!“

„Meine zwei Halbzeiten. Ein Leben in Ost und West“, so hat Berger seine Autobiografie genannt, die vor einem Jahr erschienen ist. Im Grunde, so hat es der Fußballtrainer selbst empfunden, durfte er auch noch eine Verlängerung erleben. Im November 2002 war bei ihm Darmkrebs diagnostiziert worden, aber Berger wollte sich der Krankheit nicht so leicht geschlagen geben. Am Mittwoch hat er den Kampf verloren. Im Alter von 65 Jahren erlag Jörg Berger seinem Krebsleiden.

Als er vor acht Jahren die Krebsdiagnose erhält, trainiert Jörg Berger den Zweitligisten Alemannia Aachen. Es sind noch anderthalb Stunden bis zum Spiel gegen Union Berlin. Berger setzt sich auf die Bank und gibt nach dem Abpfiff Fernsehinterviews. Erst am nächsten Morgen informiert er seine Spieler, zwei Tage später gibt er eine Pressekonferenz. „Ich habe in meinem Leben viele Kämpfe ausgetragen“, sagt er. „Ich werde auch meinen schwersten gewinnen. Ich schaffe das.“

Die Flucht aus der DDR hat so vieles relativiert. Seitdem wisse er, „was Angst ist und wie sich eine existenzielle Bedrohung anfühlt“. Er muss seinen neun Jahre alten Sohn Ron im Osten zurücklassen; zehn Jahre dauert es, bis er ihn im Sommer 1989, kurz vor der Wende, wiedersieht. Sie haben sich in Prag verabredet, und Berger glaubt, dass er Ron einfach nur in den Arm nehmen müsse und alles wieder so wie früher sei. Sein Sohn aber sagt später einmal über ihr Wiedersehen: „Ich habe in Prag nicht drei Tage mit meinem Vater verbracht, sondern es war wie ein Hauptgewinn in einem Preisausschreiben: drei Tage mit einem Bundesliga-Trainer.“

Bis Berger zum gestandenen und allseits geachteten Bundesligatrainer wird, dauert es jedoch seine Zeit. Obwohl er in der DDR als designierter Nachfolger von Nationaltrainer Georg Buschner galt, muss Berger im Westen bei null anfangen. Seine Fußballlehrerlizenz aus dem Osten wird nicht anerkannt, Berger muss ein zweites Mal den Trainerschein machen. Wie absurd das ist, hat er vor einem Jahr in einem Interview mit dem Tagesspiegel erzählt: Beim Trainerlehrgang in Köln, „da wurde mit DDR-Lehrbüchern gelernt“. Was die wissenschaftliche Durchdringung des Sports betraf, da war die DDR dem Westen weit voraus, aber das interessierte die Herren beim DFB nicht.

Der Zweitligist Darmstadt 98 ist kurz nach der Flucht Bergers erste Trainerstation im Westen, es folgen 15 weitere: vom 1. FC Köln über den FC Basel bis zu Schalke 04, Bursaspor in der Türkei und Eintracht Frankfurt. Der Sachse, der gar nicht in Sachsen geboren wurde, sondern während des Krieges in Gdingen, erwirbt sich den Ruf, ein Retter zu sein. Sein Meisterstück ist der Klassenerhalt mit Eintracht Frankfurt in der Saison 1998/99. Berger übernimmt die Mannschaft in nahezu aussichtsloser Situation, am Ende aber bleiben die Frankfurter in der Bundesliga, weil sie bei gleicher Tordifferenz vier Tore mehr geschossen haben als der 1. FC Nürnberg. „Jörg Berger hätte auch die Titanic gerettet“, sagt anschließend Eintrachts norwegischer Stürmer Jan-Aage Fjörtoft.

Berger wird ein Spezialist für die schweren Fälle. Für ihn ist das Segen und Fluch zugleich. „Ich habe schnell in dieser Schublade gesteckt“, hat Berger einmal gesagt, „aber damit kann ich leben.“ Im günstigsten Fall folgt nach dem Klassenerhalt der Höhenflug bis in den Uefa- Cup wie mit Köln, Frankfurt oder Schalke. Doch Berger wird auch häufiger entlassen als jeder andere Trainer. Dafür findet er dann recht schnell wieder eine neue Anstellung. Not ist immer irgendwo. Seine letzten beiden Engagements aber, schon in Zeiten seiner Krebserkrankung, finden kein glückliches Ende mehr: Mit Hansa Rostock steigt Berger 2005 aus der Bundesliga ab. Genauso ergeht es ihm 2009 bei Arminia Bielefeld. Auf seiner letzten Trainerstation schreibt Jörg Berger noch einmal Geschichte. Die Bielefelder hatten ihn ausschließlich für das letzte Saisonspiel verpflichtet. Nach gerade fünf Tagen wird die Liaison wieder beendet. Ein würdigerer Abschluss seiner Trainerkarriere ist Jörg Berger leider verwehrt geblieben.

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