Sport : Nachspiel: Clowns und Helden

Es ist noch nicht so lange her, da waren sie die Deppen der Haupstadt. Nach dem blamablen 0:4 in Hamburg, am 13. Oktober. Da wurde die Häme kübelweise über die Hertha-Kicker ausgeschüttet, die schließlich mit dem Anspruch angetreten waren, gar Deutscher Meister zu werden oder doch zumindest die Champions League anzusteuern. Dass da Dieter Hoeneß, der sich selbst als ganz schlechten Verlierer bezeichnet, die Galle überlief, war verständlich. Der Manager ließ keine Kritik am Trainer zu, der dicht davor war, die weiße Fahne zu hissen. Mit anderen Trainern verhandelt Hoeneß jetzt trotzdem. Doch damals nahm sich Hoeneß die Mannschaft vor und stauchte sie zusammen, wie er es zuvor noch nie getan hatte.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Deppen wollten Herthas Fußballer natürlich nicht mehr sein. Und sie wollten auch keine empfindlichen Einbußen auf ihrem Gehaltszettel hinnehmen. Bei stark leistungsbezogenen Verträgen mit 60 Prozent Grundgehalt und 40 Prozent Prämien machen sich Niederlagen schlecht. Was folgte, war in der Bundesliga eine erstaunliche Serie, vergleichbar mit der Werder Bremens. Geschlagen wurden der Weltpokalsieger aus München und der Herbstmeister aus Leverkusen. Gegen Spitzenklubs bezog Hertha in der letzten Saison Prügel. Nur der Ausrutscher auf internationaler Ebene gegen Genf passte nicht ins Bild.

Wer spricht denn noch von Deisler?

Es waren seltsamerweise nicht die eigentlichen Leistungsträger, die für diesen Höhenflug sorgten. Wer spricht denn in diesen Wochen noch von Sebastian Deisler, der beim 0:4 in Hamburg einen Kapselriss erlitt? Von Stefan Beinlich oder Gabor Kiraly? Oder gar vom teuersten Spieler der Vereinsgeschichte, Alex Alves, der bestenfalls Reservist ist? Es sind die anderen, die sonst meist in zweiter Reihe stehen, die nun für Furore sorgen. Die Christian Fiedler, Pal Dardai, Rob Maas, Andreas Neuendorf und René Tretschok. Vielleicht, weil sie ohne den Druck durch die vermeintlich Besseren befreiter aufspielen können. Vielleicht auch, weil ihnen der Trainer neues Selbstvertrauen vermittelt hat. Vielleicht auch nur, weil es an Ehre und Portemonnaie ging. Oder, weil alles zusammenkam.

Natürlich hat auch Jürgen Röber, der so oft Gescholtene, seinen Anteil. Er musste die Mannschaft nach dem Tiefpunkt wieder aufrichten, einer beispiellosen Verletzungsserie trotzen, auch einer gewissen Demontage seiner Person. Und er hat mit Erfolg das System umgestellt. In Anbetracht des Mangels an erstklassigen Stürmern im 4-3-3 zu spielen, erfordert Mut. Und Improvisation. Wer hätte denn gedacht, dass Neuendorf plötzlich zum Stürmer, noch dazu zum erfolgreichen, mutiert?

Zum Siegen verdammt

In der letzten Saison hatte Hertha nach der Hinrunde 28 Punkte und stand auf Platz fünf, jetzt sind es 31 Zähler und Rang sechs. Die nun gefeierten Erfolge sind also fast schon Pflicht, weil die Spitzenteams - vom Meister abgesehen - ungewöhnlich stark punkten. Wie meinte doch Hoeneß: "Wenn mir vor der Saison einer gesagt hätte, wir würden mit 31 Punkten nur auf Rang sechs stehen, hätte ich den für verrückt erklärt."

Auf Platz sechs liegt Hertha auch in der Statistik der Zuschauerzahlen. Während erstmals seit Bundesligabeginn in der Hinrunde mehr als fünf Millionen Besucher in die Stadien kamen, ist im Olympiastadion der Schnitt pro Spiel auf 38 000 gesunken. Selbst der FC Bayern zieht nicht mehr so, dass die Arena ausverkauft ist, beim Duell mit dem Tabellenführer blieben gar 20 000 Plätze frei. Liegt es an der unansehnlichen Baustelle, zeitigt die Niederlagenserie noch Nachwirkungen, ist ein Übersättigungsgrad eingetreten, wirkt sich das enorme Freizeitangebot der Stadt nun aus? Wahrscheinlich kommt auch hier alles zusammen.

Letztlich erweckt auch das augenblickliche Gezerre um des Trainers Vertrag keine neuen Sympathien. Röber wird man das nicht anlasten können.

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