Sport : Nachspiel: Der zärtliche Scholl

Robert Ide

Rüde Fouls, harte Attacken und Schmährufe von den Rängen: In deutschen Stadien geht es nicht immer liebevoll zu. Wozu auch, Fußball ist schließlich kein seichtes Ballgeschiebe. Nein, Fußball ist ein Wettlauf von 22 Leuten um eine Lederkugel. So etwas läuft nicht gerade harmonisch ab. In 90 Minuten steht viel auf dem Spiel: drei Punkte, viel Geld, die Ehre. Für Romantik bleibt da keine Zeit.

Mehmet Scholl kann mit der rohen Wettkampfkultur auf dem Sportplatz nicht viel anfangen. Beim Gastspiel in Bremen wollte der Bayern-Spieler mal zeigen, wie nett und zärtlich es im Sport zugehen kann. Ausgangspunkt war eine kleine Auseinandersetzung mit Schiedsrichter Herbert Fandel. Scholl forderte vom Unparteischen einen Elfmeter, weil er im Strafraum zu Fall gekommen war. Aber Fandel pfiff Freistoß für den Verteidiger - schließlich habe sich Scholl einfach fallen lassen. Mehmet, als leicht besaiteter Spieler bekannt und zuweilen als "Memme Scholl" verschrien, versuchte zunächst, den Schiri mit Worten umzustimmen. Er diskutierte und diskutierte - so lange, bis ihm eine Gelbe Karte wegen Meckerns drohte. Mehmet merkte, dass er etwas anderes tun musste. Etwas Außergewöhnliches, etwas Liebes.

Scholl versuchte es zunächst mit leichtem Flirten. Er lächelte Fandel an und setzte den Hundeblick auf, mit dem er sonst die Leserinnen der "Bravo" verzaubert. Eigentlich ist Mehmet in solchen Augenblicken unwiderstehlich. Doch Fandel - offenbar an die rauhen Umgangsformen der Bundesliga gewöhnt - ließ der flehende Blick kalt. Nun versuchte es der Bayern-Star mit einem neuen Trick. Er ging auf Fandel zu, stellte sich vor ihn hin und - umarmte ihn. Ja, er umarmte ihn. Einfach so, "als Geste der Anerkennung", wie Scholl später sagte. Ist das nicht süß?

Eine tolle Sache. In einer Zeit, in der Deutschlands Fußball durch Intrigen und schmutzige Gerüchte erschüttert wird, bekommt die Liebe eine neue Chance. Vielleicht sollte der Deutsche Fußball-Bund ja nach seiner Kampagne "Keine Macht den Drogen" eine neue Werbeaktion starten. Motto: "Mit Charme zum Sieg." Oder: "Kicken ist kuschelig."

Doch bis dahin scheint der Weg noch weit. Scholls Liebes-Offensive blieb jedenfalls ohne Erfolg. Der Spieler erntete für seine Zärtlichkeiten nur die Gelbe Karte. Vielleicht bleibt Fußball doch nur ein Wettlauf von 22 Leuten um eine Lederkugel. Wie unromantisch.

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