Sport : Nachspiel: Die Konferenzschaltung

Sven Goldmann

Harald Schumacher, den sie alle aus unerfindlichen Gründen Toni nennen, hat in seinem Leben viel Blödsinn erzählt, ein Teil davon ist nachzulesen in seinem Buch "Abpfiff", nach dessen Erscheinen er vor 14 Jahren aus dem Tor der deutschen Nationalmannschaft entfernt wurde. Zur Ehrenrettung des Herrn Schumacher sei an dieser Stelle erwähnt, dass er auch einen großen Satz gesagt hat, in einer Dokumentation über die legendäre Fußballkonferenzschaltung des Westdeutschen Rundfunks: "Man sieht ja mit den Ohren", hat der Schumacher gesagt, ein wunderschönes Kompliment über die Zeit, in der Fußball noch Hunderttausende vor den Radios versammelte. Tor in Nürnberg, Ausgleich in Bochum, Elfmeter in München. Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Die moderne Version der Konferenzschaltung läuft seit dem vergangenem Sommer im digitalen Bezahlfernsehen des Herrn Kirch. Wir geben gerne zu, dass wir am Anfang zu denen gehörten, die gelacht haben über die Kollegen von Premiere World, über defekte Decoder und zusammenbrechende Leitungen. Konferenzschaltung auf Premiere World - ein lächerlich-impertinenter Angriff auf das Erbe des Kurt Brumme.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Und jetzt das, die letzte Minute des drittletzten Bundesligaspieltages. 17.15 Uhr. Die Premiere-World-Konferenz schaltet hin und her zwischen München und Stuttgart, wo im Fernduell zwischen dem FC Bayern udn Schalke 04 gerade die Deutsche Meisterschaft entschieden wird. München ist dran. Unsere Augen sehen den Bayern-Stürmer Alexander Zickler, die Ohren ein "Tor in Stuttgart, Tor in Stuttgart." Tor in Stuttgart - ja, für wen denn, überlegen die Ohren, und dann sehen die Augen, wie der Zickler, ausgerechnet Stolperfuß Zickler, den Ball zum Münchner Siegtor ins Netz jagt. Jetzt aber wollen die Ohren endlich wissen, wer das Tor in Stuttgart geschossen hat. Schalke? Der VfB? Die Kamera blendet sich ein, und wir sehen einen Wall von weißen Leibern. Weiß, das wissen unsere Augen, ist die Trikotfarbe des VfB Stuttgart, und während die Augen noch ungläubig die Zeitlupe von Krassimir Balakows Siegtor aufnehmen, sehen die Ohren "Schluss, Schluss in München". Sekunden später hören die Augen den Schlusspfiff in Stuttgart, die verzweifelten Schalker, die noch gar nicht wissen, was unsere Ohren in München gesehen haben.

17.16 Uhr. Die Meisterschaft ist so gut wie entschieden, Ohren und Augen sind erschöpft, und wir verzeihen Premiere World alle defekten Decoder und zusammenbrechenden Leitungen für diesen einen erhabenen Augenblick: Tor in Stuttgart! Tor in München!

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