Sport : Nachspiel: Die lange 90. Minute

Benedikt Voigt

Der Fußballsport besitzt mitunter eine eigene Logik. Zum Beispiel kann ein Spieler den Ball an den langen Pfosten setzen, obwohl alle Torpfosten dieser Welt die gleiche Länge besitzen, nämlich 2,44 Meter. Als langen Pfosten aber bezeichnet der Fußballer diejenige Torstange, die vom Schützen am weitesten entfernt ist, und aus seinem Blickwinkel nur so aussieht, als sei sie länger als der andere, nähere Pfosten. Fußball-Logik eben. Mit der Zeit geht der Fußballer ebenfalls eigenwillig um. Es kann vorkommen, dass eine Minute nicht die üblichen sechzig Sekunden dauert. Nein, eine Minute kann vier oder fünf Minuten dauern. Oder länger.

Am Samstagnachmittag erlebte das Münchner Olympiastadion wieder eine jener besonders ausgedehnten Minuten. Die 90. Minute beim 2:3 des FC Bayern München gegen Werder Bremen dauerte insgesamt etwas länger als sechs Minuten. Es ist eben so, dass es einerseits im Fußball offiziell keine 91. oder 92. Minute gibt. Andererseits dauerte das Spiel nicht 90 Minuten, wie allgemein überliefert, sondern so lange, bis der Schiedsrichter abpfeift. In Kaiserslautern ziehen sich die Spiele bei Rückständen der Heimmannschaft traditionell besonders lange hin. Wahrscheinlich beeinträchtigen besonders laut schreiende Fans das Zeitempfinden eines Schiedsrichters. Warum aber Schiedsrichter Florian Meyer seinen letzten Pfiff in München so lange hinauszögerte, ließ die Experten rätseln. Wollte er Bayerns stürmendem Torhüter Oliver Kahn endlich einen regulären Treffer ermöglichen? Hatte er in einem Wettbüro auf Unentschieden getippt? Oder wollte er dem FC Bayern eine einigermaßen erfolgreiche Generalprobe vor dem Champions-League-Viertelfinale in Manchester ermöglichen?

Das dürfte dem wahren Grund näher kommen. Bayern erlebte am 27. Mai 1999 zwar nicht die längste 90. Minute der Fußballgeschichte, dafür die folgenreichste. Nach 90 Minuten und 35 Sekunden schoss Sheringham das 1:1 für Manchester United, nach weiteren 65 Sekunden hatte Solskjaer die Partie entschieden. Damit sich das nicht wiederholt, hat Schiedsrichter Meyer den FC Bayern am Samstag die 90. Minute trainieren lassen.

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