NACHSPIEL Zeit : Al-Qaida-Terrorist mit Blasenproblem

Harald Martenstein hadert mit dem südafrikanischen Drang nach Perfektion

Ich glaube, dass der Wunsch nach Perfektion eine der größten Quellen des menschlichen Unglücks ist. Die perfekte Gesellschaft, vollkommene Gerechtigkeit, makellose Menschen, ununterbrochen problemlose Beziehungen – das gibt es alles nicht. Wer versucht, es zu kriegen, bereitet sich und anderen nur Verdruss. Ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet bei der Fußball-WM den Beweis für die Richtigkeit dieser Philosophie finden würde.

Der Ball, mit dem bei der Weltmeisterschaft gespielt wird, heißt „Jabulani“, er wurde von einer Sportfirma extra dafür entwickelt. Obwohl das ja für uns Laien schwer vorstellbar ist. Was soll es an einem Ball zu entwickeln geben? Der Ball ist rund, und fertig.

Seit dem ersten Tag der WM wird der Jabulani kritisiert, vor allem von Torhütern. Der spanische Torhüter Iker Casillas nennt ihn „eine Missgeburt“, der Italiener Gianluigi Buffon sagt, er verhalte sich unberechenbarer als jeder Stürmer, der Brasilianer Julio Cesar äußert sich so: „Es wäre besser, wenn man vor dem Spiel einfach irgendwo im Supermarkt einen ganz gewöhnlichen, billigen Ball kauft.“

Nun wurde der Jabulani von einem französischen Wissenschaftler, Eric Berton, noch mal gründlich untersucht. Es ist herausgekommen, dass er zu rund ist. In Wirklichkeit ist der Ball nämlich noch niemals wirklich rund gewesen. In Wirklichkeit haben alle Fußbälle der Geschichte, wenn man genau nachmisst, etwas leicht Eieriges oder Kartoffelförmiges gehabt. Nur der Jabulani sei bis in den letzten millionstel Millimeter vollkommen. Der mutmaßlich rundeste Ball, den es je gab. Deswegen fliege er so seltsam. Er ist zu perfekt.

Auch Südafrika möchte perfekt sein, der perfekte Gastgeber. Jetzt ist in Südafrika ein Kollege verhaftet worden, der britische Reporter Simon Wright vom „Sunday Mirror“, einer Boulevardzeitung. Es wird ihm vorsätzliche Niedertracht und nationale Beschmutzung vorgeworfen.

Vor einigen Tagen ging der Fall eines Fans um die Welt, dem es gelungen war, in den Umkleideraum der englischen Mannschaft zu gelangen, unter Umgehung sämtlicher Sicherheitsmaßnahmen. Angeblich hat er einfach nur an jeder Sicherheitsschleuse gesagt: „Ich muss auf die Toilette, Leute. Es ist echt dringend. Es geht um Sekunden.“

Weil die meisten Südafrikaner hilfsbereit sind, haben sie ihn durchgewunken. Am Ende stand der Fan in der Umkleidekabine, vor den nackten und halbnackten Spielern. Er soll zu Beckham sinngemäß gesagt haben: „Ihr spielt wirklich grottenschlecht. Ihr seid eine Schande für England.“ Das war nach dem 0:0 gegen Algerien.

Jetzt steht in der Zeitung, dieser Fan, Pavlos Joseph, habe nach Überzeugung der südafrikanischen Polizei nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern im Auftrag der britischen Presse. Der „Sunday Mirror“ habe diesen Mann, Pavlos, angeheuert und zu der Tat angestiftet, um die Behörden der Lächerlichkeit preiszugeben. Jetzt denke nämlich die ganze Welt, in Südafrika müsse ein Al-Qaida-Terrorist nur so tun, als habe er ein Blasenproblem, und schon könne er das halbe Land in die Luft sprengen, beginnend mit den Toiletten und Duschen des Landes. Und vielleicht stimmt es sogar!

Das sei Verschwörung gegen die Staatssicherheit, und das „Mastermind“ – so nennen sie es – hinter der Verschwörung sei der Reporter Simon Wright. Er wurde auf dem Flughafen verhaftet.

Pavlos Joseph, der ebenfalls einem Schnellprozess entgegensieht, soll sich unter falschem Namen in einem Luxushotel in Kapstadt einquartiert haben, Interviews gibt er nur gegen Bezahlung.

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