NACHSPIEL Zeit : Das verrückteste Labyrinth der Welt

Esther Kogelboom erklärt, warum Durban zur Schicksalsstadt der Deutschen geworden ist

Durban ist eine Stadt, die sich zwischen Hügeln versteckt. Es gibt den Indischen Ozean, die Strände – und dahinter fangen sofort diese grünen Hügel an. Man ist entweder im Tal, auf dem Berg oder auf dem Weg vom einen zum anderen. Insofern ist es vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet Durban die Schicksalsstadt der Deutschen ist. Das Motel, in dem ich abgestiegen war, lag in einem Vorort namens Bluff. Mein Bett war das letzte Bett in der ganzen Stadt, versicherte mir der indische Motel-Besitzer, der entfernt an den indischen Kwik-E-Markt-Besitzer aus den Simpsons erinnerte. Daher müsse ich schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Ich sei nämlich ein ausgemachter Glückspilz, und wenn ich undankbar sei, bringe das schlechtes Karma fürs Spiel. Zähneknirschend gab ich nach. Warum bloß, warum?

Der letzte WM-Tag in Durban, die letzte Chance, Kasse zu machen und das letzte Bett. Matratze und Betthimmel steckten in einer durchsichtigen Plastikfolie, weswegen ich den Kwik-E-Markt-Besitzer um eine Schere bat. Ich wollte das Bett auspacken. Der lachte nur. „Es ist ausgepackt. Die Schutzfolie bleibt. So sind die Betten einfacher sauber zu machen.“ Mich gruselte es. Ich nahm mir vor, dass nicht ein einziger Quadratzentimeter meiner Haut mit diesem Matratzenkondom in Kontakt treten wird. Der Kwik-Shop-Besitzer stand jetzt schon etwas zu lange in meinem lausigen Motel-Zimmer. Jetzt strich er sogar seinen Schnurrbart glatt, als habe er etwas hinzuzufügen, zögere aber, es auszusprechen. Um die Atmosphäre aufzulockern, bat ich ihn, mir den Weg zum Stadion zu erklären, denn das war es offenbar, worauf er gewartet hatte. „Normally not far“, strahlte er. „Today three hours.“

Ich hatte Durban für eine leicht durchschaubare Stadt gehalten. Man kann sich am Hafen orientieren, am Strand, an den beiden Reihen schrammeliger 60er-Jahre-Hotels, zwischen denen ein Sessellift verkehrt. In Wirklichkeit war es so, dass an jeder Straßenecke 20 Polizisten standen, die passend zum Lift eine Art Skigymnastik aufführten. Auch waren die vielen Mini-Kreisverkehre so blockiert, dass man, wenn man sich erst einmal dreht, nur durch ein Löchlein herauskam – und es ist nie das richtige. Wenn ich von Blockaden rede, meine ich übrigens nicht die orangefarbenen Hütchen, die in Deutschland auf dem Asphalt stehen. Ich rede von unüberwindbaren Betonklötzen. Durban in der Nacht des Halbfinales – das verrückteste Labyrinth der Welt. Ich war die Flipperkugel, die immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückrollt: Bluff. Außerdem habe ich in meinem ganzen Leben noch nie so viele Polizisten auf einmal gesehen. Ich hatte den Eindruck, dass in Durban keine Zivilisten leben.

Mir fiel dieser Film ein, in dem die Polizisten selber Verbrechen begehen, damit sie nicht wegrationalisiert werden. Irgendwann stellte ich den Wagen unter den wachsamen Augen einer Hundertschaft an einer dunklen Tankstelle ab, die etwa eine Stunde fußläufig vom Stadion entfernt lag. Gerade wollte ich meine Sachen aus dem Kofferraum holen, da tippte mir jemand auf die Schulter. Es war ein Bettler mit ernst zu nehmender Schnapsfahne. „Heute nicht“, sagte ich und entfernte seine Hand von meinem Arm. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. Zwei Polizisten in Komplettmontur stürzten herbei und besprühten den Bettler mit Pfefferspray. Der presste seine Fäuste vors Gesicht, taumelte zur Seite und fiel in einen Busch. Stolz reckten die Polizisten ihre Daumen in die Luft. Ich lief los. Nach einer halben Stunde überholte mich ein Fahrradfahrer und bot mir an, mich gegen Gebühr mitzunehmen. Da er keinen Gepäckträger hatte, nahm ich die Fahrradstange. Aus der Ferne erklang die spanische Hymne.

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