NACHSPIEL Zeit : Der letzte frei lebende Freibierhinterzieher

Harald Martenstein entdeckt eine womöglich aussterbende Spezies

Tagesspiegel-Reporter
Tagesspiegel-Reporter

Vor einem der Spiele lief ich ein bisschen in der Stadt herum und geriet zum ersten und einzigen Mal auf eine Fußballparty. Eine Firma, irgendwas mit dem Wort „Transport“ im Namen, hatte eine Bar mit großem Garten gemietet. Viel Volk drängte herein und heraus, fast alles Südafrikaner und geladene Gäste, unter die sich aber mehr und mehr ausländische Touristen mischten. Die Türsteher verloren allmählich den Überblick. An den Wänden hingen Bildschirme, auf denen Fußballspiele gezeigt wurden, Kellner trugen Tabletts mit Getränken und Häppchen.

Ich hatte meine Akkreditierung als Journalist um den Hals gehängt. Neben mir stand ein Kellner, auf dessen Tablett zwei Gläser Bier standen. Ich nahm eines davon. „Das macht vierzig Rand“, sagte der Keller. Viel Geld für ein Bier, aber es war ja auch ein nobler Schuppen. Ich suchte im Rucksack nach meiner Brieftasche. „Wenn Sie auch noch das andere Glas nehmen, kriegen Sie beide für sechzig“, sagte der Kellner.

So etwas war mir neu, Mengenrabatt in der Bar. Aber beim Public Viewing machen die Südafrikaner es auch oft so, dass sie an der Bar nicht ein Bier kaufen, sondern so viele, wie sie während des Spieles voraussichtlich trinken. Sie wollen nicht zweimal anstehen, lieber nehmen sie in Kauf, dass ihr zweites Bier ein bisschen abgestanden schmeckt. Es gibt natürlich auch Typen, die während des Spieles fünf oder sechs Biere trinken, und die zu Spielbeginn eine lange Reihe von gefüllten Plastikbechern vor sich stehen haben. Das sieht anfangs bizarr und maßlos aus und gegen Ende ein bisschen eklig, weil ein abgestandenes Bier nach knapp zwei Stunden optisch doch sehr stark an Urin erinnert, erstaunlicherweise riecht es auch so. Aber das verdirbt den Typen, die ja schon fünf Biere intus haben, keineswegs die Laune.

Kurz, ich dachte, das mit dem Mengenrabatt ist eine südafrikanische Sitte. Eigentlich wollte ich gar keine zwei Biere trinken, aber dann war mein Geiz doch stärker. Während ich mit meinen zwei Gläsern in der Hand auf der Party herumstand, dachte ich: „Da stimmt doch was nicht.“ Der Kellner muss doch abrechnen. Da kann er doch nicht den Bierpreis mit den Gästen frei verhandeln. Ich beobachtete die Party ein bisschen und stellte fest, dass fast alle Leute ihre Getränke und auch die Häppchen einfach von den Tabletts nahmen, ohne zu zahlen. Mein Kellner hielt sich in der Nähe des Eingangs auf und suchte sich diejenigen aus, die leicht als ahnungslos hineinstolpernde ausländische Fans zu identifizieren waren, Personen, die nicht wussten, dass sie sich auf einer Firmenparty befanden. Den Getränkeverkauf brachte er bemerkenswert diskret und schnell über die Bühne. Ich hatte ein neues, mir bisher unbekanntes Delikt entdeckt: Betriebsfestbetrug oder Freibierhinterziehung.

Ich fühlte mich wie David Livingstone, der große Afrikaforscher. Früher haben die Fernreisenden unbekannte Schmetterlinge und Riesenfarne entdeckt, Flüsse, Völker, das geht alles nicht mehr, aber man kann wenigstens noch neue Straftaten entdecken. In Südafrika gibt es übrigens keine illegalen Zigarettenverkäufer, es werden keine parkenden Autos angezündet und auch die südafrikanischen Kirchen verhalten sich, was Missbrauch angeht, eher unauffällig. Jedes Land ist anders. Den Kellner habe ich nicht verpfiffen, womöglich war er ja das letzte Exemplar einer aussterbenden Spezies, der letzte frei lebende Freibierhinterzieher, und diese interessante Art wollte ich ahnungsloser Tourist nicht aus Versehen und blindem Jagdeifer ausrotten.

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