NACHSPIEL Zeit : Feilschen wie Ernie und Bert

Esther Kogelboom kommt sich beim Ticketkauf vor wie in der Sesamstraße

Es heißt ja, wo ein Wille ist, ist ein Weg. Blöder Spruch, stimmt aber. Ich wollte im letzten Moment eine Karte für Argentinien – Mexiko, und ich hab es geschafft. Hier eine kleine Anleitung mit ungewöhnlich glücklichem, ja, geradezu sensationellem Ausgang.

Die beste Taktik ist, eine Stunde vor dem Anpfiff vor den Sicherheitskontrollen herumzulungern. Gay Talese sagte einmal, dass Journalismus nichts anderes sei als „the fine art of hanging around“. Das trifft auch auf den illegalen Ticketkauf zu. Ab und zu streckt man den kleinen Finger in die Luft und ruft „Ticket! Ticket? TICKET!“ Dann dauert es nicht lange, und die ersten Gestalten nähern sich. Das muss man sich ein bisschen so vorstellen wie in der Sesamstraße, wenn Ernie und Bert einander Buchstaben abkaufen. Oder waren es das Krümelmonster und Kermit, der Frosch? Ich hab’s vergessen.

„Psssst, Kategorie A, 250 Dollar“, raunte ein Halsabschneider. Ich lachte nur, und er verzog sich. Dann kam ein Mann im ordentlichen Dreireiher auf mich zu: „Hospitality-Ticket, 400 Dollar!“ Ich fragte ihn, ob ich das Ticket mal sehen könne. Der Dreireiher bedeutete mir zu warten, drehte sich um und telefonierte. Ein Straßenjunge rannte auf uns zu. „Er wird dich zu jemandem führen, der dir das Ticket zeigt“, sagte der Dreireiher und strich sich über den Bart. Ich lachte nur, und die beiden verzogen sich.

Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff, der Vollmond hing rosa wie eine Scheibe Mortadella über Soccer City. Ich wollte da rein, durfte mir das jedoch keinesfalls anmerken lassen. Gelangweilt streckte ich den kleinen Finger in den Nachthimmel. Der Halsabschneider wieder. „Und, hast du es dir überlegt?“ – „Nee, mal im Ernst, wenn du mir die Karte nicht für 40 Dollar verkaufst, bleibst du darauf sitzen.“ – „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ Der Halsabschneider wich angeekelt zurück. Den war ich los.

Aber ich wurde langsam nervös. Die letzten Fans rannten auf das Stadion zu, beziehungsweise galoppierten. Wie die beiden Argentinier, die in einem Stoffpferd steckten. Kurz überlegte ich, sie zu bestechen, aber ein Pferd mit sechs Beinen wäre bestimmt aufgefallen. Ich nahm mir vor, bald mit dem Nähen eines Tausendfüßlerkostüms zu beginnen, damit ich es noch bis zum Finale schaffe. Der Straßenjunge trippelte herbei. Er zog ein Ticket aus seiner Hosentasche. „Mami“, sagte er, „wie wär’s mit 600 Rand?“ Ich widerstand der Mami-Diskussion, was mir einiges an Selbstbeherrschung abverlangte, und sah mir die Karte genauer an. Da stand: „Sicht teilweise behindert.“ Hm. Das war blöd. Andererseits: Es war ein relativ gutes Angebot. 130 Rand hatte der Knabe dafür bezahlt. Ich zog 500 Rand aus der Tasche, 50 Euro waren meine Obergrenze. Im Stadion spielten sie schon die Nationalhymnen. Ich spurtete los, Richtung Bierstand. Man warf mir kostenloses Budweiser zu, wegen seines dichten Schaums ist es der Cappuccino unter den Bieren.

Als ich das Stadion von innen sah, stockte mir der Atem. Hilfe! Mein Platz war in der zweiten Reihe, fast ganz unten! Und während ich mich an unzähligen Menschen vorbeidrängeln und einen wütenden Argentinier von meinem Platz vertreiben musste, erkannte ich, was meine Sicht behindern würde. Kein Betonbalken, keine Werbetafel, sondern niemand Geringeres als der zwergenhafte Diego Maradona, also Gott selbst. Ich saß unmittelbar hinter seiner durchsichtigen Trainerkabine, vielleicht 40 Meter von ihm entfernt. Er sprang und betete, schüttelte sich und gestikulierte. Er jubelte und raufte sich die Haare, brüllte und schwieg. Ich bekreuzigte mich.

Seit gestern bin ich Argentinien-Fan. Aber nur bis Samstag.

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