NACHSPIEL Zeit : Grillen mit frisch manikürten Fingernägeln

Esther Kogelboom erreicht eine Gegend, in der es Wichtigeres gibt als die WM

15 Kilometer vor der Grenze zu Zimbabwe, wo vor zwei Jahren die Cholera gewütet hatte, kreuzten ein schwäbischer Schlachter und seine Frau, eine Beauty-Therapeutin, meinen Weg. Wir trafen uns auf einer Farm, wo ich angehalten hatte, um Hüftkreise gegen Automüdigkeit aufzuführen. Deutsche trifft man hier fast an jeder Straßenecke, und man muss aufpassen, was man sagt.

Der Schlachter liebt Südafrika, weil er hier einiges Getier jagen und verwursten kann, das es in Stuttgart nicht gibt. Seine besondere Passion gilt dem Schießen mit Schwarzpulver. „Damit kannst du sogar Büffel erlegen“, sagte er. Die Beauty-Therapeutin liebt Südafrika, weil sie hier ihre Maniküre-Erfahrung bei wohlhabenden Touristinnen anwenden kann. Beide zusammen lieben Südafrika wegen des Klimas – hier im äußersten Norden des Landes fällt die Temperatur auch im Winter kaum unter 20 Grad. Der Schlachter und die Beauty-Therapeutin ergänzen sich wie ein Antilopenhorn das andere.

Wie sie über Kloses Platzverweis denken, wollte ich wissen. Doch so richtig schien die beiden das Schicksal des kaltgestellten Torjägers nicht zu interessieren. Die WM ist nämlich nicht überall. Es gibt diese verschnarchten Orte ohne Handyempfang und ohne Fernseher. Die Menschen hier stehen um fünf Uhr morgens auf, arbeiten den Tag über an ihrer gesunden Gesichtsfarbe und löschen um 20 Uhr das Licht, bevor sie vom Balzgeschrei der Paviane wieder aufwachen.

Ich hatte das Spiel Deutschland – Serbien im Autoradio gehört, während ich Polokwane hinter mir ließ. Der Kommentator kommentierte extrem verwirrend, zum Beispiel sagte er immer „Klose Miroslav“ und ordnete Klose Miroslav den Serben zu. Später korrigierte er sich zwar, hatte aber für mich dennoch seine Glaubwürdigkeit verloren. Je weiter ich ins Nichts fuhr, desto gleichmütiger wurde ich. Rote Hügel und Steinformationen rasten vorbei, dann wieder grüne Wiesen. Ich stellte fest: Klose Miroslav und diese Landschaft sind zwei Dinge, die man, auch wenn man sich anstrengt, im Kopf nicht zusammenbringen kann. Werner hatte bereits auf Abendmodus geschaltet, als mich ein Polizist aus dem Verkehr zog. Aus den Augenwinkeln hatte ich gerade noch das „60“-Schild gesehen. Mist. Wie schnell war ich gefahren? 120?

Die Scheibe meines Fensters surrte herunter. Der Polizist betrachtete den Müllberg auf dem Beifahrersitz, der hauptsächlich aus leeren Coladosen, Zigarettenschachteln, Mandarinenschalen und Traubenzuckerpäckchen bestand. Ich befürchtete das Schlimmste (Frauenknast, erfolglose Amnesty-International-Postkartenaktion, Zwangstätowierung mit schmutzigen Nadeln), doch der Polizist sprach nur eine Verwarnung aus. „Welcome to Limpopo, Mami“, sagte er feierlich, und bevor ich über das „Mami“ nachdenken konnte, war ich wieder auf der N1.

Abends saß ich mit dem Schlachter am Feuer, während seine Frau mit frisch manikürten Fingernägeln die Steaks auf dem Grill wendete. Ein Farmer, breit wie ein Schrank, leistete uns Gesellschaft. Er schwieg meist, einmal sagte er: „Die Congo ist baaie, baaie groot.“ Der Kongo ist sehr, sehr groß. Ich fragte höflich nach, was er dort gemacht habe? Er winkte ab, starrte wieder ins Feuer. Verlegen verabschiedete ich mich bald.

Der Farmer hatte recht: Ich habe keine Ahnung von den Ausmaßen und den Geschichten dieses Kontinents. Wieder überkam mich das Gefühl, das mich normalerweise nur im Flugzeug beschleicht, wenn die überflogenen Orte eingeblendet werden – in Afrika gibt es so viele Länder, Seen und Gebirge, dass man bis ans Ende seines Lebens Stadt, Land, Fluss spielen könnte ohne sich zu wiederholen. Zum Glück hatte ich meinen Reisepass in Johannesburg vergessen.

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