NACHSPIEL Zeit : Jeans, T-Shirt, Parka, Tschüss

Esther Kogelboom trägt Berliner Tracht, darf sich trotzdem nicht mit Nelson Mandela treffen

Stromausfall ist in meiner Wohngegend ein gängiges Phänomen. Man könnte sich das jetzt romantisch vorstellen, schon wegen der vielen Kerzen, die überall angezündet werden. Aber es ist nun leider so, dass auch die Ampeln und die Straßenbeleuchtung ausfallen. Und bei Dizzy Lizzy geht gar nichts mehr.

Dizzy Lizzy, so heißt die Wäscherei, bei der ich einmal pro Woche meine schmutzigen Klamotten abgebe. Normalerweise kann ich am selben Abend ein wunderbar duftendes Paket abholen. Nicht so gestern. „Sorry, Darling, krag failure“, schnurrte die Frau an der Kasse, als ich ihr meinen Abholzettel zeigte. „Krag“ spricht man „Krach“ aus, es bedeutet „Strom“ auf Afrikaans. Ich erschrak, hatte ich ihr doch am Morgen auch meine Abendgarderobe überlassen, mit der ich mich auf eine Dinnerparty der Nelson-Mandela-Stiftung einschleichen wollte. Auf der Einladung, die leider nicht mir galt, hatte jemand in Schnörkelschrift vermerkt: „Dress: Black tie or traditional outfit“. Angeblich bestand eine Chance von bis zu zehn Prozent, dass Mandela selbst dort auftaucht. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, den alten Mann wenigstens aus der Entfernung zu sehen.

Die Geschäfte hatten bereits geschlossen. Das einzige, was sich noch in meinem Schrank befand, war eine hellblaue Jeans und ein Bruce-Springsteen-Shirt mit der Aufschrift „Born to run“. Das war eindeutig weder „Black tie“ noch Tracht. Egal, ich zog einen Parka darüber und programmierte Werner auf das Convention Center in Sandton. „Fahren Sie auf die Autobahn“, sagte er, und ich freute mich.

Vor dem Convention Center hatten sie einen roten Teppich ausgerollt, es wurde lauter getrommelt als im Mauerpark. Ich rief Sello an, den Pressesprecher der Nelson-Mandela-Stiftung. Der Running Gag zwischen Sello und mir ist, dass er grundsätzlich alle meine Anfragen ablehnt. Zum Beispiel habe ich versucht, den Koch zu treffen, der Mandela während seiner letzten Monate in Gefangenschaft bekocht hat. Sello sagte, er kenne ihn zwar sehr gut, würde mir aber nicht helfen, es täte ihm wirklich leid. Dieser Sello ist ein harter Hund. Einmal bin ich ihm zufällig über den Weg gelaufen. Kaum hatte ich mich vorgestellt, sagte er: „Ach Sie, was wollen Sie, etwa ein Interview mit IHM?“ – „Okay“, antwortete ich, wie vom Donner gerührt. Zudem schüttelte Sello ziemlich lange meine Hand. „Auf jeden Fall, gerne auch sofort, ich bin vorbereitet.“ – „Das können Sie vergessen“, sagte Sello, ließ meine Hand unvermittelt fallen und wandte sich ab.

Diesmal ging Sello tatsächlich ans Telefon, wahrscheinlich erwartete er einen wichtigen Anruf. Im Hintergrund war lautes Getrommel zu hören, er konnte also nicht weit sein. Ich schaute auf, da kam er auch schon auf mich zu. „Sorry“, sagte er. „Sie müssen leider draußen bleiben. Dies ist eine Black-Tie-Veranstaltung.“ Ich erklärte, es habe einen Stromausfall in Melville gegeben, außerdem seien Jeans und T-Shirt die Tracht Berlins, das müsse er doch wissen. Immerhin wandte er sich diesmal lachend ab.

Bedrückt schlich ich noch ein bisschen umher und beobachtete die vielen gut gekleideten Menschen. Dann fuhr ich zurück nach Melville, wo das Licht wieder funktionierte. Meiner Alarmanlage hatte der Stromausfall nicht geschadet, sie ging mit altvertrautem Gejaule los, als ich die Tür aufschloss.

Heute Morgen bin ich dann wieder zu Dizzy Lizzy gegangen. „Darling, sharp, es ist alles fertig, thanks, cheers, bye“, schnurrte die Frau an der Kasse. „Super, sharp, thanks, cheers, bye“, sagte ich und griff nach dem duftenden Paket.

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