NACHSPIEL Zeit : Live aus dem Spuckesprühnebel

Esther Kogelboom entdeckt in Südafrika den Boxsport

Ein komischer Zufall führte mich zu einem Boxkampf im Supermittelgewicht. Er fand in einer gespenstischen Betonhalle statt, die wiederum an einer Ausfallstraße zwischen lauter Industriebrachen stand. Der Herausforderer war der weiße Südafrikaner Mikey Schultz, sein Gegner der schwarze Simbabwer Tineyi Maridzo.

Kurz vor Anpfiff, äh, Gongschlag stand ich vor der Halle, um eine Zigarette zu rauchen. „Ausfahrt vor Ihnen“, klang es aus meiner Handtasche. Ich zog Werner etwas unsanft an seinem Kabel heraus und schaltete ihn aus und suchte nach einem Feuerzeug. Nach einer ergebnislosen Safari in die Untiefen meiner Handtasche fragte ich zwei erschlagen aussehende Typen nach Feuer. Als ich mich ihnen näherte, fiel mir auf, dass der eine ein ähnliches Haarnetz trug wie meine Großtante Marieken, der andere trug einen Jogginganzug und schien irgendwie eingeschüchtert.

Der Eingeschüchterte war gerade dabei, mir seine Zigarette zu reichen, damit ich meine Kippe an seiner anzünden konnte, doch Haarnetz hielt ihn zurück. „So gibt man keiner Lady Feuer“, ermahnte er ihn. Vor meinem Gesicht flammte ein Benzinfeuerzeug auf. Wir redeten noch kurz über das Übliche (Oktoberfest, Reinheitsgebot, Tintenfisch), dann empfahl ich mich.

Sie hatten mir einen Platz vorne zugeteilt, direkt am Ring. Ich dachte an die überkandidelten Fernsehübertragungen von Boxkämpfen in Deutschland, bei denen immer Boris Becker in der ersten Reihe sitzt und so tut, als sei er ein harter Hund. Ich bemühte mich, einen ähnlichen Gesichtsausdruck anzunehmen. Das hier war schließlich Johannesburg und daher noch mal härter.

Als wenig später Mikey Schultz in einer mit roten Pailletten besetzten Kutte einlief, ging mir auf, wer da beinahe meinen Pony abgeflammt hätte: Haarnetz war Schultz’ Trainer. Ich fragte einen einheimischen Sportreporter, der neben mir saß, nach Einzelheiten. Blitzschnell dekodierte er meinen Akzent. Ohne seinen Blick vom Geschehen im Ring abzuwenden, sagte er: „That fucking Octopus is way beyond!“ Ich erklärte, der Zoo in Oberhausen sei sowieso „way beyond“.

Der Ringrichter läutete die zweite Runde ein. Der Sportreporter sagte: „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Schultz’ Trainer hinkt? Er hat eine Unterbein-Prothese, weil er sich bei einem Banküberfall selbst in die Wade geschossen hat, um die Polizei in die Irre zu führen. Ich sag bloß: Immer schön in die Muskeln schießen, nie in den Knochen, har har!“

Ich war dankbar für diesen Tipp, man weiß ja nie, ob man mal in die Lage gerät, dass man sich selber ins Bein schießen muss. In diesem Augenblick verpasste Maridzo Schultz einen Kinnhaken, irgendetwas schien zu platzen. Auf dem Laptop des Sportreporters landete ein dunkelroter Spritzer Blut. Gelassen packte er ein Fläschchen Desinfektionsmittel aus seiner Tasche, tränkte ein Papiertaschentuch damit und tupfte seine Tastatur sauber. Da traf mich eine Wolke aus Spuckesprühnebel. Vielleicht hat Boris Becker deshalb beim Boxen seine Sonnenbrille auf.

Die dritte Runde dauerte nur wenige Sekunden. Schultz landete platt mit dem Rücken auf der Matte, wo er regungslos ertrug, wie der Ringrichter ihn anzählte. „Knockout“, kommentierte der Sportreporter und begann, seinen Artikel zu schreiben. Haarnetz beugte sich über Schultz und zog ihn wieder auf die Füße. Der Kampf war vorbei. Schultz erwartet bald ein Prozess, er hat alles Mögliche angestellt. Es heißt, er habe den Bergbau-Magnaten Brett Kebble auf dem Gewissen. Es kann sein, dass er ins Gefängnis muss.

Es gibt wirklich auch andere interessante Sportarten neben dem Fußball.

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