NACHSPIEL Zeit : Qualmfreie Zone

Harald Martenstein wundert sich über das Verhalten südafrikanischer Gangster

Tagesspiegel-Reporter
Tagesspiegel-Reporter

Meine Zimmerwirtin in Durban hat ein Problem. In der Gegend, wo sie wohnt, wird ständig eingebrochen. Der letzte Einbruch war etwas ganz Besonderes. Ein schwerer Geländewagen ist mit Vollgas durch die Mauer ihres Nachbargrundstücks gebrochen, und dann sprangen aus dem Geländewagen ein halbes Dutzend bewaffneter Gangster heraus und schossen in die Luft. Es muss ein Anblick gewesen sei wie im Kino.

So etwas passiert meistens am Samstagnachmittag. Am Samstag sind oft Sportfeste der Schulen, da gehen die Eltern hin, um ihren Kindern zuzuschauen, auch das Dienstmädchen hat frei, das Haus ist also menschenleer, die Gangster müssen deswegen niemanden mühsam fesseln, niederschlagen oder erschießen. Gangster sind nämlich auch nur Menschen und machen es sich gerne einfach.

Das einzige Haus im Viertel, wo noch nie eingebrochen wurde, ist das Haus meiner Zimmerwirtin. Sie sagt: „Die Nachbarn werden allmählich sauer. Die Nachbarn fragen mich, was los ist, ob etwas nicht stimmt bei uns.“

Aber sie könne doch auch nichts dafür. Sie haben nichts: keinen teuren Computer, keinen Flachbildfernseher, sie haben nur altes, billiges Zeug. Das könnte der Grund sein. Irgendwie scheinen die Gangster zu wissen, wo etwas zu holen ist und wo nicht.

Die Zimmerwirtin sagt: „Die Nachbarn verlangen allen Ernstes, dass wir uns einen Flachbildfernseher kaufen, damit endlich auch bei uns einmal eingebrochen wird und damit sie, die Nachbarn, mal eine Weile Ruhe haben.“

Ich sage: „Das können die nicht von Ihnen verlangen, Susan.“

Sie sagt: „Ich weiß. Aber ich will mit den Nachbarn in Frieden leben, verstehen Sie? Mein Mann sucht schon im Internet nach einem Flachbildfernseher.“

Ein Vergehen, das in Südafrika fast überhaupt nicht mehr vorkommt, ist das Rauchen. Im Gegensatz zu Deutschland darf auch im Freien nahezu nirgends mehr geraucht werden, auch nicht beim Public Viewing, auf diesen riesigen Plätzen. Auf den Terrassen von Pubs oder Bars darf nicht geraucht werden, wenn die Terrasse überdacht ist. Teile des Rauches könnten sich bei Windstille unter dem Dach der Terrasse sammeln und Menschen schädigen, die nach dem Essen auf eine Leiter steigen oder in die Höhe springen.

Anfangs mussten die illegalen Raucher immer Strafe zahlen, etwa 20 Euro. Die Strafe ist relativ niedrig, weil in Südafrika gleiches Recht für alle gilt, ein Rechtsstaat eben, und weil sonst arme Raucher die Strafe ihr Leben lang nicht abzahlen könnten. Deswegen haben die reichen Raucher einfach weitergeraucht und hin und wieder halt 20 Euro Strafe gezahlt. Jetzt werden statt der Raucher diejenigen hoch bestraft, die Rauchen zulassen, zum Beispiel die Besitzer von Bars. Man darf straffrei rauchen, aber man wird bestraft, wenn man einen Raucher sieht und ihm nicht sofort die Zigarette wegnimmt.

Ich erzählte der Zimmerwirtin, dass ich bei der Fahrt von Johannesburg nach Durban, wenn es hochgeht ins Gebirge, hinter mir diese gewaltige Abgasglocke gesehen hätte, die ständig über Johannesburg hängt. Zigarettenrauch sei sehr wahrscheinlich gesünder als die Luft von Johannesburg. Und dann habe ich die Wirtin gefragt, ob sich denn auch die Gangster an das Rauchverbot halten. Sie sagte, soweit sie wisse, treffe dies zu. Sie nehmen den Flachbildfernseher mit, gewiss, aber im Gegensatz zu den meisten deutschen Einbrechern lassen sie keine einzige Kippe zurück, sie aschen auch nicht aufs Parkett. Und der Qualm, der beim Schießen entsteht, ist, zumindest als Qualm, völlig legal.

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