NACHSPIEL Zeit : Something fishy

Esther Kogelboom würde Polokwane am liebsten von der Landkarte radieren

Polokwane wurde, glaube ich, nur deswegen errichtet, damit der Rest Südafrikas umso heller scheinen kann. Wenn ich könnte, würde ich Rache nehmen und diese Stadt ausradieren. So etwas würde ich nie leichtfertig behaupten.

Es fing mit einer falschen Hotelbuchung an. „Ja, Sie haben ein Zimmer bei uns gebucht“, sagte die kleine, dralle, blonde Rezeptionistin namens Drikkie. „Heute in genau vier Wochen. Jetzt haben Sie ein Problem: Polokwane is fully booked by Fifa.“ – „Nein“, rief ich, „hier ist meine Reservierung mit dem Datum von heute!“ – „Nein“, rief sie, „das ist un-mög-lich!“ Dann bot sie mir an, auf ihrer Farm zu übernachten und zeichnete eine Wegbeschreibung auf. Mit umgerechnet 80 Euro sei ich dabei, ein Schnäppchen, wenn man bedenkt: Es ist Fußball-Weltmeisterschaft. Also nahm ich das Angebot an.

Im Auto knipste ich Werner an. „Ihr Ziel liegt auf einer unbefestigten Straße“, grummelte er. Ich erschrak und lief um mein Auto herum. Mit der Stiefelspitze trat ich einmal gegen jeden Reifen, weil man das wohl so macht. Drikkie rief mir hinterher: „Lassen Sie ein bisschen Luft aus den Reifen, der Weg ist, äh, anspruchsvoll.“ Luft aus den Reifen lassen? Ich war doch nicht lebensmüde.

Die Autobahn wurde zu einer normalen Straße, die normale Straße zu einem Feldweg, der Feldweg zu einer Art Testpiste für Offroad-Fahrer. Vorsichtig schlingerte ich von einem Schlagloch zum nächsten, bis ich den Wagen stoppte, um kurz nachzudenken. Der Außentemperaturmesser zeigte minus zwei Grad. Zum Spiel Mexiko – Frankreich würde ich es nicht mehr schaffen. Ich stieg aus, um eine Zigarette zu rauchen, als ein Strauß seinen Hals aus dem Busch streckte und wie Jim Carrey mit den Augen rollte. Ich beschloss, Drikkie Drikkie sein zu lassen und drehte um. Irgendwo würde ich schon unterkommen. Die Fifa konnte nicht ganz Polokwane ausgebucht haben, es musste einen geheimen Ort geben.

Und ich sollte recht behalten: Schon kurz nach dem Anpfiff lernte ich einen Tankwart kennen, der mir anbot, für umgerechnet 50 Euro in einem Verschlag hinter seinem Haus zu übernachten. Ich akzeptierte – sehr zum Ärger seiner Frau, die das Zimmer für mich herrichten musste und mich mit Nichtbeachtung strafte. Trotzdem: Ich hatte tatsächlich den einzigen Ort im Großraum Polokwane gefunden, der nicht von der Fifa reserviert worden war. Kein Wunder, denn es gab keine Heizung.

Wild entschlossen, irgendwo ein Glas Shiraz und einen Fernseher aufzutreiben, steuerte ich Richtung Innenstadt. Welch bizarrer, europäischer Gedanke! Das Einzige, was dort geöffnet hatte, war ein Schnellrestaurant namens „Something fishy“, KFC und ein Schnapsladen, vor dem dubiose Gestalten herumlungerten. Irgendwo wies ein Schild den Weg zum Flughafen. So kam es, dass ich in den Fängen einiger zuckersüßer, französischer Stewards landete. Sie warteten in der Kantine auf den nächsten Einsatz. Nette Leute, aber sie interessierten sich halt nicht für Fußball. Ich brach auf, um wenigstens die zweite Halbzeit zu sehen.

Schließlich entdeckte ich tatsächlich eine Bar, die sich mit den ausgestopften Köpfen vieler südafrikanischer Tiere schmückte. Ich war in guter Gesellschaft, besonders der Büffelkopf schien mir nicht unsympathisch. Wenigstens würde er nicht so viel quatschen, dachte ich und beschloss, Polokwane noch eine Chance zu geben. Das hätte ich nicht tun sollen: Die Kellnerin gab mir zu verstehen, dass sie Feierabend machen wollte. Sie meinte, ich solle es im Casino probieren. Ich schöpfte Hoffnung, geriet jedoch in einen Stau. Das Spiel war vorbei, alle wollten noch kurz zu „Something fishy“.

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