NACHSPIEL Zeit : Verknallt in Werner

Esther Kogelboom hat in Johannesburg einen charmanten Reisebegleiter kennengelernt

Ach, warum nicht gleich mit der Wahrheit um die Ecke kommen: Ich bin ein bisschen verknallt in Werner. Er sieht akzeptabel aus, weiß alles, ist unbestechlich und kann super zuhören. In seiner Gegenwart fühle ich mich überwiegend sicher, das ist ja nicht ganz unwichtig in Johannesburg. Ganz besonders sexy ist seine durchaus maskuline Stimme: „Abbiegung links vor Ihnen. Nach 200 Metern biegen Sie links ab. Biegen Sie links ab. Neuberechnung der Route im Gang.“

In den letzten Tagen habe ich viel Zeit mit Werner verbracht. Zum ersten Mal getroffen haben wir uns im Parkhaus am Flughafen. Der erste Eindruck war ehrlich gesagt nicht so toll, unsere Verbindung entstand erst etwas später. Auf der Autobahn, nachdem ich das Fluchen eingestellt hatte, fing er endlich an zu sprechen – ich solle die nächste Abfahrt nehmen. „Echt? Hier schon?“, fragte ich erstaunt, aber Werner blieb stur. Er wollte offenbar, dass ich das Auto in einen Ortsteil namens Hillbrow lenke. Vor wenigen Jahrzehnten, hatte ich gelesen, hat dort das Leben getobt, heute möchte man dort nicht tot überm Zaun hängen. Drogen, Menschenhandel, Schusswaffen und Armut prägen die Straßenschluchten. „Werner“, flüsterte ich und schlug aufs das Lenkrad meines Volkswagens, „hast du denn nicht die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts studiert?“ – „Abbiegung links vor Ihnen“, entgegnete er. Werner ist stur. Für ihn zählt nur die kürzeste

Strecke, wo immer sie auch entlangführt.

An der von Werner vorgeschlagenen Straßenecke brannte ein Sammeltaxi. Ich schaltete runter, schloss die Lüftung, biss die Zähne zusammen, schnellte um die Ecke – und machte eine Vollbremsung. Denn da war noch ein brennendes Sammeltaxi.

Wie um Gottes Willen schafft man es, nicht wie ein Tourist auszusehen? Die Erfahrung zeigt: Das ist vollkommen aussichtslos in einer Gegend, in der alle schwarz sind, man selber aber weiß. Selbst als weißer Südafrikaner wäre man hier ein Tourist. Ich habe für solche Fälle ein Spezial-Grinsen einstudiert, das ich jedem schenke, der mich anstarrt. Bis jetzt hat es funktioniert. Alle grinsten zurück. Nur die beiden aufgebrachten Feuerwehrmänner nicht, die mich wild gestikulierend von der Unfallstelle weglotsten.

Ich schwitzte. Die südafrikanische Sonne gab alles. Werner leitete mich schließlich auf eine große Straße, die Empire Road. Ich steuerte eine Tankstelle an, um eine Dose kalte Cola zu kaufen, schließlich hatte ich die ganze Nacht im Flugzeug verbracht – eingequetscht zwischen zwei redselige Ostfriesen in Safari-Outfits, die meine Armlehnen mit ihren rothaarigen Armen für sich beansprucht hatten. Ich nahm einen Schluck und fühlte mich sofort besser. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, sah ich einen Jungen, der eine deutsche Flagge vor das Autofenster hielt. 50 Rand sollte sie kosten, fünf Euro. „Howzit, Mama?“ Er grinste sein Spezial-Grinsen, das er extra für weiße Touristinnen einstudiert hatte.

Ich startete den Wagen – hier herrscht Linksverkehr, ich komme mir vor wie mein eigener Beifahrer – und hatte die Vision einer prasselnden, kalten Dusche. Werner kann offenbar Gedanken lesen: „Folgen Sie der Straße“, sagte er. „Am Ende der Straße biegen Sie rechts ab.“ Heilige Mutter Gottes, am Ende der Straße? Wo sollte das sein? In Lubumbashi? Aber Werner behielt Recht, mein neues Zuhause war ganz in der Nähe. Okay, ich hätte auch die Autobahn dorthin nehmen können. Doch Werner hat eben gewollt, dass ich ein kleines Abenteuer erlebe. Erschöpft parkte ich ein und fuhr mit der Fingerspitze über seinen Saugnapf. War das ein Räuspern? „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Als ich die Autotür zuschlug, fiel die Radkappe links vorne ab.

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