NACHSPIEL Zeit : Zwischen Südtirol und Holland

Esther Kogelboom genießt Klein-Europa in Kapstadt, darf es aber nicht zugeben

Servus, zum ersten Mal seit gut drei Wochen ist mir wieder warm: Ich bin in Kapstadt angekommen. In T-Shirt und Leggings laufe ich am Strand entlang, Morgensonne und Gischttröpfchen britzeln auf meinem Gesicht. Ich trinke Beeren-Smoothies, Fremde in weiß flatternden Gewändern grüßen fröhlich, flauschige Welpen knabbern an meinen Waden. Mein treuer Werner hat sich eine Pause verdient. Man kann sich in Kapstadt nicht verfahren, der Tafelberg, das Meer und das leicht übertriebene Stadion sind Orientierung genug. Er ist in Johannesburg geblieben und lädt mal 100 Prozent auf, während ich hier dasselbe tue.

Alle Kollegen, die ich bisher am Kap traf, sagen beim Blick auf den Atlantik: „Herrlich! Aber pssst, bitte. Man darf niemandem zu Hause erzählen, wie schön es ist hier ist. Das kommt nicht gut an.“ Wir saßen auf der Veranda des „Dunes“, eines Holzhaus-Restaurants in Hout Bay, und verspeisten ein umwerfendes Frühstück, in dem frische Papaya und Mango die Hauptrollen spielten. Plötzlich musste ich an den S-Bahnhof Alexanderplatz denken und brauchte einige Minuten, um das Bild wieder zu vertreiben, am Ende war auch der letzte Grillwalker verschwunden. Ich konzentrierte mich wieder ganz auf die leuchtend blaue Bucht.

Ich bin mit der Fluggesellschaft „1time“ hergeflogen. Der Flug von Johannesburg hatte über vier Stunden Verspätung, das habe ich erst nach den Sicherheitskontrollen gemerkt. Ich habe den „New York Times“-Bestseller „Act like a Lady, think like a Man“ gekauft, den ich in 30 Minuten ohne besonderen Erkenntnisgewinn durchgelesen hatte. Dann trank ich in einem Irish Pub ein Bier, wo ich einen deutschen Hörgerätefabrikanten kennenlernte. Schließlich gab ich dem Flehen eines Schuhputzers nach. „Ihre Stiefel sind furchtbar dreckig“, sagte er. „Sind Sie damit durch den Busch gelaufen?“ Ich nickte. Erfüllt von Selbsthass, nahm ich in einem Ledersessel Platz. Jetzt war es amtlich: Ich war die bräsige Kolonialistin geworden, die ich niemals werden wollte. Ich ließ mir die Stiefel polieren. Ob Langeweile vor dem Jüngsten Gericht als Ausrede gelten würde? Wahrscheinlich nicht.

An Bord der „1time“-Maschine waren drei sturzbetrunkene Brasilianer, die keine Gelegenheit ausließen, um die Stewardessen zu quälen. Zuerst wollten sie mehr Getränke, dann ein Foto, schließlich grölten sie bei der Sicherheitseinweisung herum. Kaum waren wir in der Luft, stimmten sie ihre lautstarken Gesänge an. Diese Stewardessen haben den Friedensnobelpreis verdient für ihre Geduld. Die WM 2014 wird sicher hart, allein schon wegen der Sicherheit.

Die Johannesburger nennen Kapstadt übrigens „Slaapstad“, weil hier alles so entspannt ist. Johannesburg ist Tempo 180, Kapstadt eine Spielstraße. Es heißt auch, Johannesburg ist Afrika, Kapstadt dagegen Klein-Europa. Deswegen fühlen sich angeblich Europäer hier so wohl. Das nahe gelegene Universitäts- und Weinstädtchen Stellenbosch etwa ist landschaftlich ein exotisches Südtirol und architektonisch ein altmodisches Holland. Es ist unmöglich, sich nicht sofort in diese Kombination zu verlieben. Für diesen Text konnte ich übrigens Rosamunde Pilcher als Ghostwriterin gewinnen. Sie grüßt den Kolumnistenkollegen, der in Pretoria alle 30 Minuten heiß duschen muss, um nicht zu erfrieren.

Bezeichnend ist auch, dass die Frauen in Kapstadt bei 22 Grad Mützen und Fellstiefel als modische Accessoires spazieren tragen. Immer nur Sommerkleider und Sandalen, das hält ja kein Mensch auf Dauer aus. Trotzdem: Irgendwie kann ich es kaum erwarten, dass meine Stiefel wieder dreckig werden. Act like a Man, think like a Lady.

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