Nachspielzeit mit Esther Kogelboom : 365 Tage Ostersonntag

Tagesspiegel-Autorin Esther Kogelboom stellen Südafrikas Hühner und ihre Eier vor Rätsel. Mit einem Land, in dem 365 Tage im Jahr Ostersonntag ist, kann irgendwas nicht stimmen.

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Esther Kogelboom. Foto: Antoine de Ras
Esther Kogelboom.Foto: Antoine de Ras

In der Johannesburger Zeitung „The Star“ wurde auf der Titelseite die Lebensgeschichte eines Huhns erzählt. Das Huhn, spekulierte das Blatt, sei höchstwahrscheinlich einem Medizinmann entkommen, der aus Gefieder und Knöchelchen traditionelle Medizin („Muti“) brauen wollte. Es habe sich dankbar einem Zeitungsverkäufer im Stadtzentrum angeschlossen, dem es aufs Wort gehorchte. Das seltsame Gespann sei bei Autofahrern und Fußgängern beliebt wie eine Zirkusattraktion. Auch mir war der Mann schon aufgefallen.

Interessant ist die Episode mit dem Zeitungsverkäufer vor allem deswegen, weil ich mich nun schon seit einiger Zeit frage, wo die Südafrikaner ihre Hühner halten. Es muss in diesem Land nämlich eine extreme Anzahl von Federvieh geben, isst doch jeder Südafrikaner, den ich kenne, zum Frühstück ein Omelett oder Rühreier, jeweils aus mindestens drei Eiern. Geht man also von 40 Millionen Einwohnern aus, verbraucht dieses Land jeden Tag 120 Millionen Eier, und sonntags auch mal 200 Millionen – Teigwaren, das Schnellrestaurant „Chicken Licken“ und „Muti“ nicht mitgerechnet. Schockierende Zahlen, nach denen hier allerdings kein Hahn zu krähen scheint.

In dem Frühstücksraum eines Protea-Hotels, in dem ich gestern absteigen musste, hatten sie sogar eine Eierpyramide aufgebaut. In den silbernen Buffet-Schalen schmorten schätzungsweise 500 Spiegeleier. Ein korpulenter Kollege aus Kamerun, der seinen Tisch nebenan mit drei Bordsteinschwalben in farblich abgestimmten Glitzerleggings teilte, bestellte sich ein Tablett mit Bacon. Sein Appetit war gewaltig, Viagra macht offenbar auch hungrig. Ich übertreibe nicht! Die Gruppe hatte die Nacht in 416 verbracht, während ich in 414 versucht hatte, möglichst viele Kissen auf meinen Kopf zu legen ohne zu ersticken.

Sogar auf südafrikanische Sprachbilder hat die Eierliebe Einfluss. Mein Johannesburger Vermieter erzählte vor zehn Minuten: „Ich wollte mir einen iPod touch kaufen, but I chickened away.“ Hühner gelten also in diesem Land als Feiglinge, die vor größeren Investitionen zurückschrecken – obwohl sie tagtäglich unermüdlich für das Wohl der Bevölkerung im Einsatz sind. Ich finde, das offenbart einen nicht gerade schmeichelhaften Einblick in die Niederungen der südafrikanischen Seele.

Ich mag Hühner, ich bin mit ihnen aufgewachsen. Wenn ich als Kind ein Ei kochen wollte, musste ich nur in den Stall rennen und eins aus dem warmen Strohnest klauben. Wenn ich Appetit auf Hühnersuppe hatte, musste ich allerdings zuerst meiner Oma beim Schlachten und Rupfen zusehen. Daher rührt wahrscheinlich mein Respekt vor dem Federvieh, beziehungsweise dem Ei. Mit einem Land, in dem 365 Tage im Jahr Ostersonntag ist, kann irgendwas nicht stimmen. Zurück zur der Geschichte vom Huhn und dem Zeitungsverkäufer. Die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Partner allein wäre dem „Star“ selbstverständlich keine Zeile wert gewesen – viel zu friedlich. Und so geht die Geschichte laut Protokoll der Metro Police weiter: Der Zeitungsverkäufer wurde eines Abends auf offener Straße überfallen. Einer der Gangster setzte ihm ein Messer an die Kehle, und unser Mann beteuerte: „Ich gebe euch alles, was ihr wollt!“ – „Lock dein Huhn an!“ Das Schicksal wollte, dass der Zeitungsverkäufer zum letzten Mal nach seinem Huhn rief. Als das treuherzige Tier auf der Bildfläche erschien, musste es seinem Schöpfer gegenübertreten. Im „Star“ stand, dass es einen typischen Johannesburg-Tod starb: „It died a Jozi death.“ Der Zeitungsverkäufer ist seither in Trauma-Therapie.

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