Nachspielzeit mit Harald Martenstein : Schwarze und Weiße

Tagesspiegel-Autor-Harald Martenstein ist von seinem eigenen Verhalten irritiert und fragt sich anlässlich seines WM-Besuchs in Südafrika, ob in ihm schon immer Rassismus geschlummert hat.

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Auf Robben Island saß einst Nelson Mandela im Gefängnis. Auch heute ist das Thema Rassismus in Südafrika immer noch allgegenwärtig - wenn auch deutlich subtiler als früher.
Auf Robben Island saß einst Nelson Mandela im Gefängnis. Auch heute ist das Thema Rassismus in Südafrika immer noch allgegenwärtig...Foto: dpa

Ein Restaurant in Pietermaritzburg, einer kleinen Burenstadt, vielleicht eine Stunde Fahrt von Durban entfernt. Es gibt Fusionküche, so nennen sie es jedenfalls. Darunter hat man sich warmen Gemüsesalat mit Calamari vorzustellen und solche Sachen. Das Restaurant könnte genauso gut in New York oder Berlin liegen.

Auf der Videowand neben der Bar wird ein Autorennen übertragen, Formel 1. Als der Besitzer erfährt, dass sein Gast ein Deutscher ist und wegen der Fußball-WM im Land, schaltet er sofort um. Von nun an wird Fußball gezeigt. Die anderen Restaurantbesucher, alle sind Südafrikaner und vielleicht nur wegen des Autorennens gekommen, finden das in Ordnung. Der Gast geht vor. Als Nächstes holt der Besitzer alle Sportseiten der Lokalzeitung, die er auf die Schnelle auftreiben kann, und bringt sie an den Tisch. Das interessiere den Gast vielleicht, es stehe auch ein Porträt von Schweinsteiger in der Lokalzeitung.

So etwas würde einem Ausländer in Berlin oder New York nicht passieren.

Ich bin schon ein paar Mal in Südafrika gewesen, aber jedes Mal brauche ich ein paar Tage, um mich an die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute zu gewöhnen. Zuerst denkt man, sie machen sich lustig über einen, oder sie wollen etwas. Man denkt: Irgendwas stimmt hier nicht. Dann ist man beschämt. Man selber ist ja bei Weitem nicht immer so nett wie ein Südafrikaner. Wenn alle Menschen Südafrikaner wären, dann wäre dies eine bessere Welt.

Das ist die eine Seite.

Gleichzeitig musst du ununterbrochen auf der Hut sein. Autotüren beim Fahren verschlossen halten, nachts nicht zu Fuß gehen, nicht als Ausländer auffallen, es gibt viele Regeln. In Südafrika musst du, wie beim Fußball, ständig umschalten zwischen Offenheit und Defensive. Täglich werden Reporter überfallen, ausgeraubt, auch ein Kollege, den ich kenne. Erstaunlich nur, dass es noch keine Toten gegeben hat. Die meisten Opfer sind wohl zum ersten Mal im Land und wissen nicht, dass es diese zwei extrem verschiedenen Gesichter hat. Die einen Leute würden fast alles für dich tun, die anderen Leute sind bereit, dir ein Messer an die Kehle zu halten.

Dafür, zu welcher Sorte dein Gesprächspartner gehört, solltest du, sobald dein Flugzeug gelandet ist, möglichst schnell ein Gespür entwickeln.

Das schafft man natürlich nicht. Man muss sich aber irgendwie zurechtfinden. Man braucht eine Orientierungshilfe. Ich stelle fest, dass ich schwarzen Südafrikanern misstrauischer begegne als weißen. Wenn ich durch ein schwarzes Wohnviertel fahre, bin ich vorsichtiger. Ich weiß, dass diese Leute im Durchschnitt deutlich ärmer sind als die anderen, Armut und Verbrechen gehören nun einmal zusammen. Aber ich mag das nicht, mein Verhalten irritiert mich. Ich bin eigentlich nur vernünftig, wenn ich abends zum Essen in ein Lokal gehe, in dem alle Gäste weiß sind und nur die Kellner schwarz, und nicht in eine schwarze Kneipe am Rande einer Township, wo es bestimmt auch liebenswürdige Wirte gibt, und vielleicht ein paar interessantere Lebensgeschichten.

Die Regeln der Vernunft und die Verhaltensweise eines Rassisten fallen zufällig zusammen. Oder holt dieses Land einen Rassismus aus mir heraus, der in mir geschlummert und auf einen Anlass gewartet hat? Wahrscheinlich ist es typisch deutsch, sich solche Gedanken zu machen.

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