Nachwirkungen des Doping-Berichts : Armstrongs Mauer bröckelt weiter

Auch am Freitag gab es neue Entwicklungen in der internationalen Radsportszene. Der Weltverband UCI gerät immer mehr unter Druck, Rudy Pevenage sagt, dass Telekom keine andere Möglichkeit hatte zu dopen und Armstrongs Intimus Johan Bruyneel ist nicht mehr Teamchef von Radio-Shack-Nissan

Nicolas Diekmann
Über viele Jahre elektrisierte dieses Duell die Sportwelt: Lance Armstrong gegen Jan Ullrich. Nach den umfassenden Beweisen für Armstrongs gedope, wird sich zeigen, ob es in Kürze auch neue mögliche Erkenntnisse gegen Ullrich geben wird.
Über viele Jahre elektrisierte dieses Duell die Sportwelt: Lance Armstrong gegen Jan Ullrich. Nach den umfassenden Beweisen für...Foto: dapd

Nach den Enthüllungen der US-Anti-Doping-Agentur Usada rund um die Dopingverstrickungen Lance Armstrongs und seiner damaligen Rennställe äußerte sich am Freitag Rudy Pevenage. Gegenüber der französischen Sportzeitung "L’Equipe" gab der damalige sportliche Leiter vom Team Telekom Doping um die Jahrtausendwende zu: "Wir haben gesehen, dass Armstrong übermenschlich geworden war. Was sollten wir machen, ihn sich amüsieren lassen, weil ihn keine Kontrolle überführen konnte?“, fragt der 58-jährige Belgier. Bei der Frankreich-Rundfahrt 2001 sei Jan Ullrich in der Form seines Lebens gewesen, "aber er konnte nichts ausrichten, Armstrong hat mit ihm gespielt". Pevenage bezeichnet das damalige Dopen bei Telekom als alternativlos: "Hatten wir denn eine Wahl?" Der Belgier war ab 2002 persönlicher Berater Ullrichs, der bis heute trotz vieler Indizien abstreitet, selber gedopt zu haben.
Weiterhin ungeklärt ist die Rolle des Radsport-Weltverbandes UCI. Der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur, David Howman, deutete an, dass einige UCI-Mitarbeiter von den Praktiken gewusst haben müssen: "Es sieht so aus, als wäre das Szenario vor den Augen derer gelaufen, die es hätten aufdecken sollen, manchmal sogar mit deren Wissen." UCI-Präsident Pat McQuaid erklärte, dass sich die Anwälte des Weltverbandes intensiv mit dem Usada-Bericht beschäftigen werden. Drei Wochen haben sie dafür Zeit. "Ich habe der Angelegenheit oberste Priorität beigemessen. Wir werden uns in dem vorgeschriebenen Zeitfenster bewegen", sagte McQuaid.
Welche Auswirkungen der Bericht für den deutschen Radsport haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Der Leiter des Kölner Doping-Kontrolllabors Wilhelm Schänzer hat aber Hoffnung. "ie Erkenntnis aus dem Usada-Bericht ist: Egal, mit welchen noch so ausgeklügelten Dopingpraktiken gearbeitet wird, niemand kann sich sicher sein." Gleichzeitig sieht Schänzer strukturelle Nachteile bei der Aufklärung der Dopingverfehlungen deutscher Radfahrer: "Wer soll eine solch ausführliche Untersuchung der Geschehnisse hier durchführen und vor allem bezahlen?"
Der Doping-Bekämpfer und Professor für Molekularbiologie, Werner Franke, glaubt nicht, dass der Bericht Auswirkungen auf den deutschen Radsport habe. "In dieser Hinsicht sind wir ein Spitzenland der Scheinheiligkeit", sagt Franke und ergänzt: "Ich erwarte gar keine Konsequenzen. Die UCI und die nationalen Radsportverbände sind korrupt." Wer das Gesetz des Schweigens breche und mit Anschuldigungen oder Beweisen an die Öffentlichkeit gehe, werde sofort kaltgestellt.
Damit klagt Franke auch explizit den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) an. Dieser war am Freitag nur für eine kurze Stellungnahme zu erreichen. Darin verwies Generalsekretär Martin Wolf auf ein Statement von BDR-Präsident Rudolf Scharping, in dem dieser bereits vor drei Wochen dafür plädiert hat, alle nachweislich gedopten Sportler ersatzlos aus den Ergebnislisten zu streichen. Also gegebenenfalls auch Armstrong. In diesem Fall würde es auf keinen Nachrücker geben, ginge es nach Christian Prudhomme. Der Tour-de-France-Direktor sprach sich dafür aus, die sieben Gelben Trikots von Lance Armstrong nach dessen bevorstehender Streichung aus den Siegerlisten nicht neu zu vergeben. "Wir würden uns wünschen, dass es gar keinen Gewinner gibt", sagte er am Freitag in Paris.

Unterdessen trennte sich der Rennstall Radio-Shack-Nissan von seinem Teamchef und langjährigem Armstrong-Intimus Johan Bruyneel. Wie das Team mitteilte, habe man die Zusammenarbeit am Freitag in "eiderseitigen Einvernehmen" beendet. Die deutschen Radprofis Jens Voigt und Andreas Klöden stehen bei Radio-Shack-Nissan unter Vertrag. Bruyneel war sportlicher Leiter bei Armstrongs Teams US Postal und Discovery Channel. Laut den Usada-Unterlagen sei er eine zentrale Figur im "ausgeklügeltesten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm" gewesen, das der Sport je gesehen habe.

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