Sport : Nachwuchsmangel: Diagnose: fußkrank

Ernst Podeswa

Die deutsche Leichtathletik ist "fußlahm" geworden. Klammert man Hürden- und Hinderniswettbewerbe aus, so haben von 100 m bis 10 000 m nur insgesamt zwei Läuferinnen (5000 m - Mikitenko/10 000 m - Wassiluk) und drei Läufer (800 m - Schumann/5000 m - Baumann und Arndt) die Olympianominierungsvorgaben des Verbandes erfüllt. Maximal 42 hätten es auf den Einzelstrecken schaffen können.

Könnte dieser Trend damit zu tun haben, dass das Volk der Autofahrer zu bequem geworden ist? "Das glaube ich nicht", sagt Jürgen Haase. "Eine Steffi Graf im Tennis oder ein Jan Ullrich im Radsport haben sicherlich hart genug trainiert, um in die Weltspitze zu gelangen." Es gäbe durchaus Jugendliche, die man für ein "entbehrungsreiches und intensives Training begeistern" könne, "aber die werden immer weniger."

Mit Waldläufen bei Dresden begann Haases Karriere. Die DDR-Talentespäher entdeckten ihn und holten den jungen Burschen samt Trainer Harald Büttner nach Leipzig. Dort entwickelte sich Haase zu einem Weltstar: Er wurde 1966 mit 21 Jahren jüngster Europameister aller Zeiten über 10 000 m und wiederholte seinen Triumph drei Jahre später. Bei Olympischen Spielen indes blieb er glücklos. 1968 in der Höhe von Mexiko-Stadt "stimmte das Timing mit dem vorherigen Höhentraining nicht. Ich ging chancenlos unter." Vor den Spielen 1972 in München verletzte er sich und hing seine Spikes mit 28 an den Nagel. "Vielleicht war das ein Fehler, so früh aufzuhören. Aber ich wollte nicht als Mitläufer weitertraben." Weltmeisterschaften gab es noch nicht.

Haase hatte durchaus das Format zum Weltmeister und olympischen Goldmedaillengewinner. Fast zur gleichen Zeit wie der neuseeländische Trainer Arthur Lydiard praktizierte Haase in Europa die Abkehr vom alleinigen Intervalltraining. Deren herausragender Protagonist war der Tscheche Emil Zatopek, 1952 dreifacher Olympiasieger (5 km/10 km/Marathon). Seine Erfolge basierten auf brutalen Trainingsprogrammen wie beispielsweise 100 x 400 m am Stück. Trainer Büttner dagegen ließ Haase Dauerläufe im Gelände machen, gemixt mit schnellen Passagen auf der Bahn. Diese Mixtur von Ausdauer und Schnelligkeitstraining bevorzugt auch die derzeitige Weltelite um den Ausnahmeathleten Haile Gebrselassie (Äthiopien). Haase hatte auch dessen federleichten Schritt und vernichtende Spurtstärke. Legendär sein Kampf mit dem finnischen Europameister Juha Väätinen 1971 und einer Schlussrunde von 54 Sekunden: "Die Spurtfähigkeit nach 9600 m ist vor allem Willens- und Talentsache. Ich brachte eine Grundschnelligkeit von 48 Sekunden für die 400 m mit. Also brauchte ich meist nur an den Führenden im Feld dranbleiben, dann konnte mir am Schluss nicht viel passieren."

Während der Leipziger 1966 mit 28:12 Minuten auf einer Aschenbahn im Alleingang in die Nähe des Weltrekordes lief und mit seiner Bestzeit von 27:53 (1971) zu den Weltbesten zählte, liegt der schnellste Deutsche des Jahres 2000 (Jirka Arndt 28:22) um über eine Minute hinter dem Jahresweltbesten Munyi (Kenia/27:18). Die Weltspitze sei "damals durch die Europäer Bolotnikow, Väätinen, Norpoth, Jazy und den Australier Clarke global breiter" als heute gewesen, da die Afrikaner allen meilenweit davonlaufen.

Haase (55) war bis 1992 erfolgreicher Trainer beim SC Dynamo und dann SC Berlin, wo unter anderen die EM-Vierte Kathrin Weßel von ihm betreut wurden. Heute ist er arbeitslos, betreut in seiner Freizeit Seniorensportler und eine Kindergruppe beim Berliner TSC. Auf die Frage, wie man die DLV-Läufer wieder international nach vorn bringen könnte, sagt er (ein wenig bitter): "Vielleicht bräuchten wir in Deutschland ein paar Green-Card-Trainer für Läufer."

0 Kommentare

Neuester Kommentar