Nadelstiche in der Lunge : Wie Wintersportler mit der Kälte kämpfen

Bei den derzeitigen Weltcups ist es extrem kalt. Manchmal gehen die Organisatoren bis an die Grenzen des Machbaren, manchmal auch darüber hinaus. Für die Gesundheit der Athleten ist das nicht ungefährlich.

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Frost im Gesicht. Im kalten Kontiolahti werden die Biathleten gefordert.
Frost im Gesicht. Im kalten Kontiolahti werden die Biathleten gefordert.Foto: dpa

Sie sind trügerisch, die Bilder, die derzeit aus Nordkarelien übermittelt werden. Knallblau ist der Himmel über den schneeverhangenen Wäldern im äußersten Osten von Finnland. Wie gemacht für das nächste Postkartenmotiv, aber nicht unbedingt für einen Sportwettbewerb. Denn es ist nicht nur idyllisch, sondern vor allem kalt oder, um es mit dem Biathlon-Bundestrainer Ricco Groß zu sagen, sogar „saukalt“, mitunter auch „grenzwertig“. Am Rande des Reglements und des Athletenschutzes bewegen sich die im Moment abgehaltenen Wintersport-Weltcups. In Kontiolahti bei den Biathleten, in Rybinsk und Nove Mesto, wo die Langläufer um die Wette rennen und in Altenberg bei den Weltmeisterschaften der Rodler.

Zwar empfindet es die deutsche Rodlerin Natalie Geisenberger gerade nicht so extrem wie einst in Calgary, wo sie mal bei minus 30 Grad trainierte und „arg zu kämpfen hatte“. Knapp minus 20 Grad in Altenberg machen den Athleten aber auch schon zu schaffen. „Normalerweise schmilzt die Oberfläche der Bahn und man hat richtig Grip“, erzählt Geisenberger. „Bei Kälte allerdings ist es glatt wie ein Spiegel.“ Die Gefahren im ohnehin schon gefährlichen Rennrodelsport schwinden dadurch nicht unbedingt, und dann kommt ja noch das persönliche Befinden hinzu. Für Geisenberger, die am Sonntag um die Goldmedaille fährt, ist es „beim Start am schlimmsten, weil der Wind da richtig durchpfeift, und im Ziel ist es auch recht unangenehm.“ Während sie sich im dünnen Rennanzug durch die Rinne schlängelt, spüre sie trotz des erheblichen Fahrtwinds jedoch eher weniger. „Da bin ich nur auf mein Rennen fokussiert. Ob es da im Oberschenkel mehr zieht, bekomme ich kaum mit.“

Dass Sportler die Kälte im Wettkampfstress quasi ausblenden, kann zum Problem für ihre Gesundheit werden. Beim Weltcup in Kontiolahti beispielsweise haben sich einige Biathleten im wahrsten Sinne des Wortes die Nase abgefroren. „Erfrierungen im Gesicht und an den Füßen sind die akuten Gefahren, langfristig kann es zu Schäden der Atemwege kommen“, erklärt der Mannschaftsarzt der Biathleten, Jan Wüstenfeld. „Aber am Ende ist es auch ein Stück weit der Job der Athleten, damit fertig zu werden.“ Nun ist eine gewisse Wetterfestigkeit sicher eine Grundvoraussetzung für einen Wintersportler, dennoch hat alles seine Grenzen.

Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle wollte seine Sportler am vergangenen Wochenende aus Angst vor den Folgen der großen Kälte gar nicht erst nach Russland ins minus 30 Grad kalte Rybinsk schicken und ließ sich dann doch von seinen Athleten überreden. Auch einige deutsche Biathleten haben die Reise nach Ost-Finnland nun nicht angetreten – im letzten Wettbewerb vor der WM im eigenen Land wollten sie lieber nichts riskieren. Für andere wie Magdalena Neuner gibt es kaum eine Alternative zur Teilnahme, wenn sie im Gesamtweltcup gute Platzierungen verteidigen wollen.

Wie die verbliebenen Kollegen kämpft Neuner im Augenblick um vordere Plätze – und gegen die finnische Kälte. Minus 20 Grad müssen es wenigstens sein, damit der Wettkampf überhaupt gestartet wird, am Freitag wurden auf der Strecke in Kontiolahti minus 20,4 Grad gemessen; gelaufen wurde trotzdem. Und für Tina Bachmann fühlte es sich an „wie 1000 Nadelstiche in der Lunge. Man hat kaum Luft bekommen.“ Anders als im Training stecken sich die Biathleten im Wettkampf keine Atemlufterwärmer in den Mund. Überhaupt ist nur ein begrenzter Schutz vor Kälte möglich.

Obenrum sehen die Biathleten und Langläufer aus wie bunte Michelin-Männchen, weil sie sich mit Tüchern, Mützen und Tapes im Gesicht vor Erfrierungen im Kopfbereich schützen. Und die Rodler schmieren sich Shampoo oder Frostschutzmittel für Autoscheiben auf ihre Visiere, so dass diese nicht vereisen. „Das riecht zwar nicht immer gut, aber es hilft“, sagt Natalie Geisenberger. „Ansonsten können wir nicht viel gegen die Kälte machen, außer uns bei der Besichtigung und gleich nach den Rennen dick anzuziehen.“ Erst dann, dick eingemummelt im Ziel, können die Sportler die winterliche Atmosphäre auch mal kurz genießen.

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