Sport : Nächte vorm Fernseher

Tunesiens Handballer sorgen sich bei der WM um ihre Freunde und Verwandten in der Heimat

Erik Eggers

Kristianstad - Der Mann sah müde aus, sehr müde. Das Gesicht fahl, schwarze Ränder unter den Augen, schleppte sich Heykel Megannem am Montagabend zur Pressekonferenz. Wie ein Profi bewertete der Kapitän der tunesischen Handball-Nationalmannschaft, die heute Deutschland zum Gegner hat, die unerwartete Niederlage gegen Ägypten. Der 33 Jahre alte Regisseur verwies auf die verletzten Rückraumstars Wissem Hmam und Anis Gatfi sowie auf die WM-Debütanten in seiner Mannschaft. „Es ist ein schwieriges Turnier für uns“, sagte Megannem. Auch wegen der Nachrichten aus der Heimat.

Die schwierige politische Lage in Tunis, die Flucht des Diktators Ben Ali – all das verfolgten die tunesischen Handballer in Kristianstad, jenem kleinen südschwedischen Städtchen, und jubelten. Dass sie im Auftaktmatch gegen Titelverteidiger Frankreich mit 19:32-Toren deklassiert wurden, störte sie weniger als unter normalen Umständen. Am nächsten Morgen lachte ein tunesischer Funktionär und sagte: „Wir haben das Spiel verloren, aber die Revolution gewonnen.“ Der Handball war jedenfalls ziemlich unwichtig in diesen Tagen.

Und so erklärt sich auch die Müdigkeit der Handballer. Nächtelang saßen sie in Kristianstad vor Fernseher und Computer, sie schauten zusammen mit dem Rest der Welt nach Tunis, nur dass es für sie nicht ein fremdes Land ist, sondern die Heimat der meisten tunesischen Spitzenhandballer. Sie schliefen kaum in diesen dramatischen Stunden. Das sei Gift für die körperliche Verfassung gewesen, sagt ihr französischer Trainer Alain Portes: „Meine Spieler sind sehr müde und nicht in guter Kondition.“

Einen Vorwurf macht er seinen Spielern nicht, die seit dem vierten Platz bei der Heim-WM 2005 allesamt große Stars sind, populär wie Fußball-Nationalspieler in Deutschland. „Natürlich wollten wir wissen, was dort passiert, dort wohnen unsere Familien und Freunde“, berichtete Kapitän Megannem. Der Spieler des französischen Klubs St. Raphael war glücklich, als er mit seinen Eltern telefonieren konnte. „Es war für uns möglich, den Kontakt herzustellen, kein Problem“, sagt Megannem.

Der Kapitän der Tunesier mit den müden Augen hofft, dass sich die politische Lage in seiner Heimat nun stabilisiert. „Wir bekommen eine Demokratie, das ist viel besser für uns“, sagt er. „In sechs Monaten haben wir Wahlen. Wir werden jetzt auch über die Freiheit zu reden und nachzudenken haben. Nach der Wahl wird es wie in einem europäischen Land sein“, vermutet er. Er vertraut darauf, dass die Kultur seines Landes, die Bildung, die in seinen Augen höher ist als in anderen arabischen Staaten, sich nur zum Vorteil auswirke. „Ich glaube, dass die Zukunft Tunesiens besser sein wird als die Gegenwart.“

Doch über Politik möchte Megannem eigentlich nicht so viel reden, er sagt, er sei Sportler. Auch die schwedischen Organisatoren wollten zu viel Aufmerksamkeit bei diesem Thema vermeiden, als sie vor Anpfiff des Spiels Ägypten gegen Tunesien ein Plakat mit der Aufschrift „Game over – Ben Ali“ abhängten.

Die politische Lage beschäftige die Spieler, sagt der Chef der tunesischen Delegation. Doch nie hätten sie in Erwägung gezogen, sich vom Turnier zurückzuziehen. „Wir wollen unser Land würdig vertreten und unseren Fans in der Heimat Freude bereiten.“ Erik Eggers

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