Sport : Nandrolon: Wenn Lebensmittel zum Doping werden

Robert Hartmann

Die 19-jährige Carolin Soboll erhielt am 13. Juli einen Brief aus der Geschäftsstelle des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Als sie die ersten Zeilen las, wurden dem größten deutschen Speerwurftalent die Knie weich. Da schrieb ihr ein Herr Kern, sie sei ein Dopingfall. Am Samstagabend schilderte die junge Frau aus Wattenscheid die Situation im "ZDF-Sportstudio" so: "Ich war total geschockt. Dann stand da was von Nandrolon. Ich wusste nichts damit anzufangen, gar nichts." Die richtige Spur wies ihr Theo Rous, DLV-Vizepräsident und Anti-Doping-Beauftragter. Sie hatte regelmäßig das erlaubte und frei im Handel erhältliche Nahrungsergänzungsmittel Kreatin in Pillenform konsumiert, und eine Packung war "verunreinigt", unter anderem mit Nandrolon-Metaboliten. Das konnte sie nach Ansicht des DLV nicht wissen. Nach eingehender Prüfung entschloss sich das DLV-Präsidium, das Verfahren einzustellen. Der Verband und die Betroffene erstatteten inzwischen Strafanzeige gegen unbekannt wegen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Arzneimittelrecht.

Die Kreatin-Packungen hatte gewohnheitsgemäß Sogolls Trainer Stefan König über einen Zwischenhändler telefonisch bestellt. Die junge Werferin war bei einer Wettkampfkontrolle am 23. Juni aufgefallen. In einem Gutachten schrieb Professor Wilhelm Schänzer vom Kölner Antidoping-Labor, er habe Spuren von acht verbotenen Steroidhormone in der Kreatin-Pille gefunden. Auf der Packung fand sich kein Hinweis. Die Substanzen waren gleichmäßig im Inneren der Tablette verteilt, womit eine nachträgliche Manipulation ausgeschlossen werden konnte. Andere untersuchte Chargen des gleichen amerikanischen Produkts zeigten, dass sie nicht mit verbotenen Substanzen durchmischt waren.

Seit einiger Zeit wird besonders vor Produkten gewarnt, die aus den USA stammen. Grundsätzlich ist es so, dass niemand weiß, wie viele der weltweit schon in die Hunderte gehenden Nandrolon-Fälle über verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel zustande kamen. Es werden sehr viele sein. Jedenfalls scheint es sich hier um ein außerordentliches Problem zu handeln. Untersuchungen in den USA ergaben, dass dort 70 Prozent der Nahrungsergänzungsmittel mit Restspuren anderer Substanzen durchsetzt sind, ohne dass sie deklariert würden.

Der Olympia-Arzt Professor Wilfried Kindermann appellierte an die Sportler, die Finger von all diesen Waren zu lassen. "Wer sagt denn, dass diese Mittelchen zu einer Leistungssteigerung führen?" Carolin Soboll und offensichtlich fast der ganze deutsche Leichtathletik-Kader zum Beispiel. "Ich kenne fast niemanden, der es nicht nimmt. Die Muskeln werden fester, man wird ein bisschen spritziger, die Kraftwerte werden besser", sagte sie. In ihrer Wattenscheider Trainingsgruppe hätten sie beschlossen, weiterhin mit Kreatin zu arbeiten.

Ein anderer Aspekt ist die juristische Aufarbeitung. Die ist mit dem Hinweis auf die Einstellung des Verfahrens noch nicht zu Ende. Der DLV teilte mit, dass er den Fall weisungsgemäß dem Weltverband IAAF mitgeteilt habe. Das IAAF-Council muss entscheiden, ob die Einstellung des Verfahrens akzeptiert wird. Und wenn nicht? Dann drohen der Athletin zwei Jahre Sperre.

Das bedeutet: Der DLV reicht die Verantwortung einfach auf die internationale Ebene weiter. Der eigene Rechtsausschuss wurde gar nicht konsultiert. Die nächste Frage wird sein, ob der DLV eine Zweijahres-Sperre anerkennt. Oder ob er notfalls mit der Jugendlichen gegen die IAAF vor ein ordentliches deutsches Gericht ziehen wird. Im Fall von Dieter Baumann hat er diesen Schritt schon abgelehnt.

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