Sport : Narben im Gras

David Beckham scheitert wieder beim Elfmeter – Ausreden sucht er nicht

Sven Goldmann

Lissabon - David Beckham hatte nicht gut gespielt. Die gesamte Saison bei Real Madrid war ein verschenktes Jahr, die Europameisterschaft war bisher an ihm vorbeigelaufen, im Viertelfinale gegen Portugal am Donnerstagabend zählte er zu den schwächeren Spielern. Das verträgt sich nicht mit dem Anspruch, den der Kapitän der englischen Nationalmannschaft an sich selbst stellt. Beckham wollte sich beweisen. Die Chance dafür bot sich im Elfmeterschießen, das über den Einzug ins Halbfinale entscheiden musste. Beckham wollte demonstrieren, dass er über das verfügt, was der Engländer „balls“ nennt und an dieser Stelle aus Anstand lieber mit „Mut“ übersetzt wird.

Es ist ein bisschen ungerecht, dass die Öffentlichkeit David Beckham vor allem über seine wechselnde Frisur, seine Tattoos und seine exaltierte Ehefrau definiert. Viele übersehen, dass er ein ganz ausgezeichneter Fußballspieler ist, gesegnet mit einem rechten Fuß, der Flanken und Freistöße von unerreichter Qualität schlagen kann. Dieser rechte Fuß sollte England nun ins Halbfinale bringen.

Der erste Schütze in einem Elfmeterschießen soll immer der sicherste sein. Es ist zumindest fraglich, ob Beckham dafür der richtige Mann war, nachdem er schon im Vorrundenspiel gegen Frankreich den ersten Elfmeter des ganzen Turniers verschossen hatte. Beckham aber schritt mutig als erster Schütze zur Tat. Tausende Engländer im Estadio da Luz stimmten die Nationalhymne an. Sie sollten ein Desaster erleben.

Beckham lief an und schoss weit über das Tor, und selbst wenn es mit der Höhe geklappt hätte, wäre der Ball noch einen Meter am Tor vorbeigegangen. Wie er danach am Elfmeterpunkt stand, auf den Schiedsrichter einredete und klagend nach unten deutete, entbehrte nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Zu Unrecht. Die Zeitlupe des portugiesischen Fernsehens zeigte später, dass der Ball schon während Beckhams Anlauf ins Rollen geraten war und so seinen linken Fuß touchierte, bevor ihn der rechte traf. Der Rasen hatte sich rund um den Elfmeterpunkt gelöst, und alle folgenden Schützen widmeten fortan der Planierung der sensiblen Fläche genauso viel Aufmerksamkeit wie der Ausführung.

Für Beckham kam diese Erkenntnis zu spät. Doch warum hatte ihn keiner gewarnt? Die Engländer waren sich des Problems schon vor dem Spiel bewusst. „Schon bei unseren ersten beiden Spielen im Estadio da Luz haben wir uns bei der Uefa darüber beschwert, dass die Elfmeterpunkte in einem katastrophalen Zustand sind“, sagte Teammanager Sven Göran Eriksson. „Man hat uns zugesichert, neuen Rasen einzupflanzen. Das ist nicht geschehen.“ Ein Wort zu David Beckham? „Niemand in der Mannschaft macht ihm einen Vorwurf. Elfmeterschießen ist immer eine Mischung aus Kunst und Lotterie.“ Der Schwede verkniff sich das Wortspiel mit der Niete, die England in dieser Lotterie gezogen hatte.

Es spricht für Beckham und gegen das ihm anhaftende Image, dass er nicht nach Entschuldigungen suchte. „Portugal hat hervorragend gespielt und verdient gewonnen“, sagte der Kapitän am Tag danach. „Schade, dass wir uns schon im Viertelfinale getroffen haben. Portugal gegen England, das wäre auch ein würdiges Endspiel gewesen.“ Journalisten bestürmten ihn sofort mit der Frage, ob er nun seine internationale Karriere beenden werde. Beckham ist gerade 29 Jahre alt geworden, er lachte und antwortete so freundlich, wie er das immer tut: „Auf keinen Fall. Es gibt für mich nichts Größeres, als Englands Kapitän zu sein. Sie hätten sehen sollen, wie wir nach dem Spiel zusammen in der Kabine saßen. Jeder dieser Spieler hat 110 Prozent gegeben.“ Über seine traumatische Erfahrung in diesem Spiel, den verschossen Elfmeter, verlor er kein Wort.

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