Sport : Nasri trifft und hadert mit der Presse

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Psst. Samir Nasri fordert nach seinem
Psst. Samir Nasri fordert nach seinemFoto: AFP

Dass ein Champions-League-Sieger zum Synonym für schlechten Fußball erklärt wird, passiert recht selten. Doch nach dem Spiel gegen England sagte der französische Außenverteidiger Patrice Evra: „Es war frustrierend, sie haben gespielt wie Chelsea gegen Barcelona.“ Die Aufregung über betondefensive Engländer soll wohl vor allem von eigenen Schwächen ablenken. Die Equipe Tricolore spielte zum EM-Auftakt ohne Tempo und Esprit und sogar ohne einen echten Stürmer, weil der nominell vorne aufgebotene Karim Benzema sich immer wieder tief fallen ließ, um Bälle zu holen, die er dann zumeist verstolperte. Da vor allem Franck Ribéry bei eigenem Ballbesitz wie auf Autopilot immer wieder in die Mitte zog, standen sich die vor dem Turnier hoch gehandelten Franzosen in großem Respektabstand vor dem englischen Tor gegenseitig auf den Füßen.

Dass es nach frühem Rückstand überhaupt noch zum 1:1 gereicht hat, verdankt die Mannschaft von Trainer Laurent Blanc vor allem dem wendigen Samir Nasri, der mit einem präzisen Schuss in der 38. Minute den Ausgleich erzielt hatte. Der Offensivmann von Manchester City ist nun Frankreichs Hoffnungsträger – und zugleich das Sorgenkind.

Nach seinem Treffer rannte Nasri mit dem Zeigefinger vor dem Mund in Richtung Pressetribüne, anschließend rief er: „Ferme ta gueule!“, was frei übersetzt so viel heißt wie: „Maul halten!“ Der Spruch gilt – da waren sich Experten einig – französischen Zeitungen, die den 24-Jährigen nach schwachen Testspielen heftig kritisiert hatten. „Meine Mutter ist krank, und wenn sie lesen muss, dass ihr Sohn bescheuert ist, ist das heikel“, sagte Nasri, der sich zugleich für seine Überreaktion entschuldigte. Eigentlich also alles halb so wild, doch sind die Franzosen seit der Katastrophen-WM 2010 samt Trainingsboykott und aktiver Leistungsverweigerung sensibel beim Thema Mannschaftsklima. Bei wiederholten Nachfragen zu Nasri rollte Blanc am Dienstagmorgen genervt mit den Augen und verlor seine gewohnte Ruhe: „Wenn er ein Problem mit Journalisten hat – ihr seid große Jungs, regelt das unter euch.“ Er werde mit Nasri über das Thema reden. „Aber man kann nicht alle Reaktionen zurückhalten.“ Verbandspräsident Noël Le Graët sprach von einer „unkontrollierten Aktion“ und hoffte, dass es keine „Kontroverse“ gebe. Französische Medien wie die „France Soir“ fragen bereits in Anlehnung an 2010: „Wird es 2012 eine Affäre Nasri geben?“

Zufrieden präsentierten sich dagegen die Engländer. „Je länger wir zusammenarbeiten, desto besser wird es“, versprach Trainer Roy Hodgson nach dem dritten Spiel seiner sechswöchigen Amtszeit. Besonders „wenn wir Rooney, einen wirklichen Qualitätsspieler, zurückbekommen.“ Der wird allerdings erst zum letzten Gruppenspiel seine Sperre abgesessen haben. Die zuletzt vernichtend urteilende englische Presse jubelt jedenfalls schon wieder. „Yippeee! Ein Unentschieden“, titelte „The Sun“. Der „Daily Star“ schrieb: „Job erledigt.“Nik Afanasjew

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