Sport : Nation ohne Heldin

Nach der manipulierten Dopingprobe von Süreyya Ayhan sucht die Türkei ein neues sportliches Idol

Suzan Gülfirat,Friedhard Teuffel

Berlin - Wann immer Süreyya Ayhan zuletzt bei einer großen Meisterschaft lief, sie lief nicht nur für sich alleine. Die 25 Jahre alte Türkin wollte auch die Frauen in ihrem Heimatland mit sich ziehen, wenn sie die 1500 Meter auf der Leichtathletikbahn zurücklegte. Sie sollten es ihr nachmachen und auch mit dem Sport beginnen, gerade in der türkischen Provinz, in der die Frauen oft kein selbstbestimmtes Leben führen können. Süreyya Ayhan lief auch für ihr ganzes Land, das so empfindlich reagiert, wenn sein Stolz verletzt wird und dann wieder unendlich glücklich ist, wenn es etwas gewinnt.

Doch dieser Lauf ist nun zu Ende, Süreyya Ayhan hat ihre Dopingprobe manipuliert. Die Europameisterin von 2002 und Weltmeisterschaftszweite des vergangenen Jahres darf nicht nach Athen reisen, die 60-köpfige türkische Olympiamannschaft hat ihr Idol verloren.

Der Traum der Türkei ist vorbei, ein vergleichbares Ereignis zu erleben wie 1988, als Naim Süleymanoglu die Goldmedaille im Gewichtheben gewann. Es war die erste Goldmedaille der Türkei seit 1968, und Süleymanoglu wiederholte diesen Erfolg 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta. Süleymanoglu ist ein Held in der Türkei. „Die Menschen in der Türkei wollen meine Siege, deshalb mache ich es für sie“, sagte er einmal. Die Identifikation mit seinem Land war wohl auch deshalb so groß, weil er als Angehöriger der in Bulgarien unterdrückten türkischen Minderheit geboren worden war. 1986 floh er in die Türkei.

Süreyya Ayhan sollte die Stelle des nationalen Sporthelden neu besetzen. Mit einem olympischen Erfolg hätte sie ihre Landsleute gerade in diesem Jahr trösten können, weil die türkischen Fußballspieler die Qualifikation für die Europameisterschaft verpasst hatten. Als Sportheldin empfohlen hatte sie sich 2002 in München. Da holte sie den ersten EM-Titel für die Türkei. Bis dahin hatte die Türkei überhaupt erst eine Medaille bei einer Leichtathletik-EM gewinnen können, 1950 im Dreisprung.

Seither wurde sie gefeiert. Die Begeisterung ließ nicht nach, als sie 2003 bei der WM in Paris auf der Zielgeraden von der Russin Tatjana Tomaschowa überholt und Zweite wurde. Auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan war nach Paris gereist. In der vergangenen Woche rief er bei Ayhan an, um ihr gute Besserung zu wünschen. Sie hatte nämlich erklärt, dass sie wegen einer Verletzung nicht in Athen starten könne. Die Wahrheit war das nicht.

Türkische Medien zitieren aus dem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), bei der Dopingprobe am 10. Juli sei eine Ayhan ähnlich sehende Frau aufgetaucht und habe sich für sie ausgegeben. Es war wohl ihre Physiotherapeutin. Der Täuschungsversuch flog auf, als die Kontrolleure die Unterschriften verglichen. Zehn Tage später erschienen wieder Kontrolleure. Als sie Ayhans Dopingtest an sich nehmen wollten, versuchte Ayhan erst eine Urinprobe abzugeben, die sie aus dem Mülleimer geholt hatte und schüttete dann ihre eigene Probe in die Toilette.

Die türkische Öffentlichkeit kann das alles noch nicht glauben. Die Zeitung „Türkiye“ kommentierte: „Sie haben Süreyya ruiniert.“ Gemeint ist vor allem ihr Trainer Yücel Kop. Mit ihm ist Ayhan auch privat verbunden, und das war in der Türkei heftig diskutiert worden. Kop ist 30 Jahre älter als die Sportlerin. Als die Beziehung zwischen beiden anfing, war Kop noch verheiratet. Er hat drei Kinder. Viel Anerkennung genießt er seitdem nicht mehr. „Wie kann man in dieser Situation so eine Favoritin mit diesem Leibesübungslehrer alleine lassen?“, fragte die Zeitung „Türkiye“, „das ist eine Schande und einer der größten Skandale in der Geschichte unseres Sports.“ Die Chance auf eine Goldmedaille hat die Türkei aber immer noch durch Elvan Abeylegesse. Die gebürtige Äthiopierin hält den Weltrekord über 5000 Meter.

Süreyya Ayhan soll sich zurzeit in Deutschland aufhalten. Ihr droht eine zweijährige Sperre. Bis zum Freitag will sie eine Erklärung abgeben. Die Geschichte vom Laufen für ihr Land und die Frauen ist jetzt nur noch ein Märchen.

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