Nationalelf : Philipp Lahm sorgt für Entspannung

Philipp Lahm verkörpert beim 2:1 in England das neue System.

Stefan Hermanns[London]
Nationalelf
Die Ruhe selbst. Philipp Lahm (r.) zog die Fäden im Mittelfeld. -Foto: dpa

Wahrscheinlich ahnte Joachim Löw nicht einmal, welche Privilegien er als Bundestrainer genießt. Als normaler Zuschauer wäre er vermutlich längst von den Stewards mit den gelben Signalwesten bedrängt und nachdrücklich dazu aufgefordert worden, den Fluchtweg doch bitte wieder frei zu geben. Löw hatte seine Box im Wembleystadion verlassen und sich am Treppenaufgang auf ein Geländer gesetzt. Er trug ein weißes Hemd, einen leichten Sommerschal um den Hals, hatte die Beine übereinander geschlagen und das Kinn in seine Hand gestützt. Joachim Löw machte einen sehr entspannten Eindruck.

Das war nicht durchgängig so. Am Anfang des Klassikers England gegen Deutschland war er zweimal die Treppen hinunter ans Spielfeld gestürzt. Seine Mannschaft wirkte fahrig, sie verlor Bälle en masse und geriet immer wieder in Bedrängnis. Oliver Bierhoff, der Teammanager, war „ein bisschen besorgt“ von der Darbietung auf dem Platz, phlegmatisch kam ihm die Mannschaft vor. Am Ende, nach dem 2:1-Sieg in Wembley, waren die Bilder des Schreckens jedoch längst von erfreulicheren Impressionen überlagert. „Es gibt nicht viele Orte, wo es so schön ist, zu gewinnen wie hier“, sagte Joachim Löw.

Obwohl die Engländer auch nach der Pause noch einige Möglichkeiten hatten, verfestigte sich bei den Deutschen die Überzeugung, die Dienstreise nach London werde einen positiven Geschäftsabschluss bringen. Philipp Lahm war sich in der Schlussphase „ziemlich sicher, dass man das Spiel hier auch gewinnen kann“. Der Münchner, 23 Jahre alt, ist so etwas wie die fußballerische Entsprechung zu Joachim Löw: Er wirkt auf dem Platz stets sehr entspannt. Gegen England wurde er aus der Außenverteidigung ins defensive Mittelfeld versetzt, auf eine Position, auf der er im Profifußball bis dahin genau ein einziges Mal gespielt hatte – vor anderthalb Jahren mit den Bayern bei Hannover 96. „Ich denke, dass es ganz ordentlich war“, sagte Lahm nach seinem zweiten Versuch.

Die Position vor der Abwehr ist so etwas wie die Königsposition im modernen Fußball, und dass Lahm die Fähigkeiten für diese Rolle mitbringt, ist Experten längst aufgefallen. Paul Breitner hat schon vor einem Jahr prophezeit: „Seine Zukunft liegt im kreativen Mittelfeld.“ Jürgen Klinsmann lobte als Bundestrainer während der WM vor allem die strategischen Fertigkeiten des Außenverteidigers: „Er liest ein Spiel wie kaum ein anderer.“ Und, was ihn noch für die neue Rolle prädestiniert: „Philipp lässt sich nie aus der Ruhe bringen – auch nicht, wenn drei Gegenspieler um ihn herumschwirren.“

Am Anfang gegen England, in der Selbstfindungsphase der Nationalmannschaft, war Lahm so etwas wie die einzige Konstante im deutschen Spiel. Das Team musste sich erst an ein neues System (4-5-1) gewöhnen, erschwerend kam hinzu, dass aus der WM-Stammelf des vergangenen Jahres fünf Spieler fehlten, und zwar nicht die unwichtigsten: Mit Michael Ballack und Torsten Frings fiel die komplette Zentrale aus. Joachim Löw versuchte, die fehlende Qualität mit mehr Quantität (fünf statt vier Mittelfeldspieler) zu kompensieren – und mit Philipp Lahm. „Wir brauchten intelligente Spieler, um die zweiten Bälle zu gewinnen“, sagte der Bundestrainer.

Man konnte regelrecht beobachten, wie Lahm seine neue Rolle mit Verstand spielen wollte – und auch spielte. „Er wirkt sehr erfahren und ruhig“, sagte Manager Bierhoff. „Man hat nie den Eindruck, dass er die Nerven verliert.“ Anstatt sich in sinnlose Zweikämpfe verstricken zu lassen und damit die Kontrolle aufs Spiel zu setzen, bewegte sich Lahm als aufmerksamer Beobachter stets auf Ballhöhe, um im Gefährdungsfall eingreifen zu können. Der Angriff, der das 1:1 der Deutschen zur Folge hatte, nahm seinen Anfang, als Lahm kurz hinter der Mittellinie Joe Cole den Ball abjagte.

Mittelfristig wird der Münchner wieder in die Außenverteidigung zurückkehren, kurzfristig (wegen Frings Verletzung) und langfristig (wegen Frings fortgeschrittenen Alters) aber dürfte sein Platz in der Zentrale liegen. Dabei ist es eigentlich egal, wo Lahm spielt, wertvoll ist er in jedem Fall. Im Grunde wünscht sich der Bundestrainer nichts anderes als die vollständige Philipplahmisierung der Nationalmannschaft: Er könnte dann über ein Ensemble verfügen, das nicht nur eine hohe Spielintelligenz besitzt, sondern auch in der Lage ist, sie von der Theorie in die Praxis umzusetzen. Das Spiel in Wembley hat zumindest angedeutet, dass dieser Prozess weiterhin erfreuliche Fortschritte macht.

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