Nationalelf : Rückkehr der Gewissheit

Michael Rosentritt über den Sieg und seinen Gewinn

Michael Rosentritt

Wirr, konfus, chancenlos – so titelte der Schweizer „Blick“ am Tag nach dem 0:4 gegen Deutschland. Viel schlimmer hätte es den EM-Gastgeber nicht treffen können. Interessanterweise beruhigten sich die blamierten Schweizer mit einer deutschen Erfahrung. Auch die deutsche Mannschaft erlebte kurz vor dem Start der WM im eigenen Land eine schmerzvolle Niederlage. 1:4 war das DFB-Team im März 2006 in Florenz unter die Räder gekommen, was im WM-Gastgeberland eine heilige Hysterie um die Tauglichkeit der Mannschaft ausgelöst hatte.

Zwei Jahre später steht die Art und Weise des Sieges über die Schweiz fast schon exemplarisch für die Entwicklung der deutschen Mannschaft auf ein höheres Niveau. Florenz war hilfreich, weil es offenbarte, dass es mehr braucht als Wille und Spielidee. Die Deutschen nutzten die verbleibende Zeit und schafften den Umkehrschwung knapp vor dem Turnier. Seitdem haben die Nationalspieler die Spielphilosophie weiter verinnerlicht und können sie, wie in Basel, anwenden.

Die deutsche Elf spielte zuletzt beim 3:0 in Wien nicht viel besser als damals in Florenz, nur dass die Österreicher ihre Chancen nicht nutzten. In Basel aber war wieder das entwickelte Deutschland zu sehen. Eine Mannschaft, in der Organisation, Intensität, Effizienz stimmten. Es war dasselbe Deutschland, das WM-Dritter geworden und dann mit einer schwerelos anmutenden Selbstverständlichkeit durch die EM-Qualifikation gerauscht war. Bis die Mannschaft sich etwas gehen ließ und im vergangenen halben Jahr zwei, drei uninspirierte Spiele ablieferte.

Wenn Florenz den deutschen Fußball weckte und mithin als die Geburtsstunde einer großen Mannschaft gilt, dann wird Basel vielleicht eingehen als die Rückkehr der Gewissheit. Die Gewissheit, dass die Mannschaft es bringt, dass noch alles funktioniert – wenn es sein muss und sie es will. Diese Gewissheit, die neben der Schweiz auch den beiden deutschen Gruppengegnern Österreich und Polen abhanden gekommen ist, wirkt nach innen wie nach außen. Sie stärkt bei den Spielern das Zutrauen in das eigene Können. Und sie ist ein Signal an die restliche Konkurrenz. Wie sagte es Per Mertesacker: „Wir sind da – das weiß auch Europa.“

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