Nationalelf : Seit acht Spielen kein zu null mehr

Acht Spiele in Folge hat die Nationalelf nicht mehr zu null gespielt. Gegentreffer sind in Löws System aber durchaus einkalkuliert

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Nur einer guckt nach hinten. Bis auf Manuel Neuer (links) sollen sich alle deutschen Spieler eher nach vorne orientieren. Foto: dpa
Nur einer guckt nach hinten. Bis auf Manuel Neuer (links) sollen sich alle deutschen Spieler eher nach vorne orientieren. Foto:...Foto: dpa

Ein Jahr, ein mickriges Jahr, kann im Leben eines Fußballnationalspielers eine kleine Ewigkeit sein. Für Manuel Neuer zum Beispiel ist im Moment nichts mehr, wie es vor 13 Monaten war. Anfang September 2010 hatte Neuer gerade mit der Nationalmannschaft 1:0 in Belgien gewonnen, es war der erste von bisher neun Siegen einer makellosen EM-Qualifikation – und Neuer, dem Torhüter, hatte dieses Spiel ein seltenes Glücksgefühl beschert. „Endlich mal wieder zu null“, sagte er beim Abschied aus dem Heysel-Stadion. Es sollte betont beiläufig klingen, obwohl ihm so etwas mit seinem Verein, dem FC Schalke 04, zu diesem Zeitpunkt lange nicht widerfahren war. Inzwischen spielt Neuer für Bayern München – und um überhaupt mal wieder ein Gegentor zu kassieren, muss er schon zur Nationalmannschaft fahren. Da immerhin ist die Wahrscheinlichkeit verlässlich hoch.

Die deutsche Nationalelf bietet im Moment wenig Ansatzpunkte für Kritik. Am Dienstag gegen Belgien hat sie die Chance, mit dem zehnten Sieg im zehnten Qualifikationsspiel einen neuen Rekord aufzustellen. Und wenn man überhaupt etwas Negatives sucht, wird man am ehesten in der Defensive fündig. Achtmal hintereinander, seit dem 4:0 gegen Kasachstan im März, hat die Nationalmannschaft nicht mehr zu null gespielt, selbst gegen Aserbaidschan nicht; beim 3:1 gegen die generell nicht besonders bedrohlichen Türken musste Neuer am Freitag mehr Situationen meistern als in allen bisherigen Saisonspielen mit den Bayern zusammen. „Man darf den Gegnern keine Chancen geben“, sagt Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger, „das müssen wir perfektionieren.“

So wie auch die Bayern ihre Defensive perfektioniert haben. „Wir arbeiten alle nach hinten“, sagt Neuer, „es ist bei uns ein Ziel, zu null zu spielen. Das gibt Jupp Heynckes immer wieder vor.“ Für Joachim Löw genießt dieser Punkt hingegen ganz offensichtlich nicht die oberste Priorität. Der Bundestrainer gehört eher jener Schule an, für die es im Fußball darum geht, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner – und nicht darum, eines weniger zu kassieren. „Wenn man so offensiv spielt wie wir, gibt es auch mal Situationen, wo man sich ein Gegentor fängt“, hat Joachim Löw nach dem Spiel gegen Österreich vor einem Monat gesagt, in dem seine Mannschaft zwar sechs Tore erzielte, aber eben auch zwei Gegentreffer kassierte.

Die Lücken in der Defensive sind sozusagen systemimmanent. Es ist von höchster Stelle gewollt, dass die Nationalmannschaft ihre Angriffe mit gewissem Risiko vorträgt, dass sich auch Spieler in die Offensive einschalten, deren Position das nicht unbedingt erwarten lässt. „Das birgt natürlich die Gefahr, dass bei Ballverlust nicht genügend Spieler hinter dem Ball sind“, sagt Löws Assistent Hans-Dieter Flick, „da sind wir eher anfällig. Aber das wissen wir auch. Daran arbeiten wir.“

Die Sorge um die defensive Stabilität begleitet Joachim Löw, seitdem er beruflich mit der Nationalmannschaft zu tun hat, und je näher ein Turnier rückt, desto stärker schwillt sie an. Als besonders arg hat Löw die Zweifel vor der WM 2006 empfunden, da „ist die Öffentlichkeit mit einer gewissen Angst in das Turnier gegangen“. Völlig unbegründet waren diese Ängste nicht. Löw selbst, damals noch Kotrainer, musste in der unmittelbaren Vorbereitungsphase erst einmal die Grundlagen einer Viererkette pauken. Dass er die Abwehr dann einigermaßen dichtbekommen hat, lässt den Bundestrainer die aktuellen Schwierigkeiten gelassen ertragen. „Die Feinabstimmung erfolgt in den Wochen vor dem Turnier“, sagt er, „das haben wir immer hinbekommen. Das werden wir auch diesmal schaffen.“

Zumal seine Spieler inzwischen die Grundlagen beherrschen und bereits den Fortgeschrittenenkurs besuchen dürfen, in dem es um das teamtaktische Verhalten geht. „Stabilität hinten betrifft die ganze Mannschaft“, sagt Löw, der die Abwehr vor allem durch ein besseres Pressing entlasten will. „Gegen Brasilien und Österreich haben wir es gut gemacht, früh gestört, den Gegner einfach zu Fehlern gezwungen“, sagt der Bundestrainer. Die Türken hingegen „hatten immer Platz, die Bälle anzunehmen“.

Im derzeitigen Stadium der EM-Saison sind solche Mängel noch verzeihlich und auch nur schwer zu beheben, weil erfolgreiches Pressing klare Automatismen und damit eine intensive Schulung benötigt. Für Manuel Neuer sind das erst einmal keine schönen Perspektiven: Er könnte in der Nationalelf auch weiterhin mehr zu tun bekommen als bei den Bayern, vielleicht schon an diesem Dienstag gegen die Belgier. Bei denen spielt Igor de Camargo, der einzige Spieler, der den Bayern-Torwart Neuer in der Bundesliga bisher bezwungen hat.

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