Nationalelf-Streit : Ballack vs. Löw: Entschuldigung reicht nicht

Michael Ballack entschuldigt sich für die Form seiner Kritik am Bundestrainer. Doch das dürfte nicht reichen. Denn Joachim Löw verlangt auch eine inhaltliche Abbitte.

Stefan Hermanns
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Treffen in Frankfurt: Michael Ballack (r.) und Bundestrainer Joachim Löw haben das mit Spannung erwartete Gespräch geführt. -Foto: AFP

Das große Theater um Michael Ballack und Joachim Löw hat sich noch nicht ganz entschieden, ob es als Komödie oder als Farce endet; schon jetzt aber ist klar, dass es auch als Lehrstück in Sachen Diplomatie und Taktik dient: Wie viel gebe ich von meinem eigenen Standpunkt auf, um die Gegenseite zu besänftigen – ohne dabei mein Gesicht zu verlieren. Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist am Wochenende ein gutes Stück auf den Bundestrainer zugegangen. Er hat einem Treffen in Deutschland zugestimmt und kurz darauf in einer Pressemitteilung angekündigt, dass er sich für sein Verhalten bei Löw entschuldigen werde. Vom Deutschen Fußball-Bund ist die Erklärung bereits als Beginn einer neuen Etappe gewertet worden. Ob sie auch schon der Anfang vom Ende der Geschichte ist, muss sich noch erweisen.

„Ich habe die Erklärung vom Michael Ballack registriert“, ließ sich Löw auf der Internetseite des Verbandes zitieren. Seinen Forderungen aber ist damit noch längst nicht Genüge getan. „Viel wichtiger ist das persönliche Gespräch. Danach wird es von mir eine abschließende Stellungnahme geben.“ Nach uneingeschränkter Freude und Erleichterung hört sich diese Reaktion nicht an. Noch immer treibt den Bundestrainer offensichtlich die Sorge um, dass Ballacks öffentliches Einknicken nur ein taktisches Manöver ist. Aus seiner Erklärung lassen sich zumindest einige Formulierungen in diese Richtung deuten. Ballack teilt zwar mit, es sei nicht seine Absicht gewesen, Löws Arbeit als Bundestrainer zu kritisieren; er schätze ihn sowohl als Mensch wie auch als Trainer sehr. Ballack schreibt aber auch, dass ihn das Ausmaß der öffentlichen Kritik an seiner Person überrascht habe. „Und somit muss ich leider feststellen, dass es ein Fehler war, diesen Weg zu wählen.“ Ein Fehler, nur weil er von allen Seiten so scharf kritisiert wurde? Sonst nicht?

Seitdem Ballacks Interview mit der Kritik an Löw erschienen ist, haben Beide zweimal kurz miteinander telefoniert, zuletzt am Samstagabend, gegen halb sieben. Ballack teilte dem Bundestrainer mit, dass er nun doch nach Deutschland komme, wenn es sein Gesundheitszustand zulasse. Um Inhaltliches ging es in diesem Gespräch ebenso wenig wie zwei Tage zuvor bei der ersten Kontaktaufnahme. Auch davon, dass Ballack noch am Abend eine Presseerklärung abgeben werde, war keine Rede.

Der Kapitän der Nationalmannschaft hat sich darin für die Form seiner Kritik entschuldigt; doch damit ist es nicht getan: Löw verlangt auch einen inhaltlichen Widerruf. Ballacks Vorwürfe stehen schließlich weiterhin im Raum, und sie berühren in hohem Maße seine Autorität als Trainer. Ihm wird von seinem Kapitän mangelnde Loyalität unterstellt, Unehrlichkeit und eine falsche Personalführung, die den Erfolg der Nationalmannschaft gefährde. In seiner Presseerklärung schreibt Ballack: „Ich möchte mich zum Inhalt des Interviews nicht mehr äußern …“ Das aber muss er wohl, wenn er Löw trifft. Und was sollen eigentlich die drei Pünktchen am Ende des Satzes?

Verweigert sich Ballack dem Widerruf, sind weiterhin viele Szenarien denkbar: von seiner Absetzung als Kapitän bis zum Ausschluss aus der Nationalmannschaft – wobei Löw einen derart drastischen Schritt nach Ballacks Einlenken nur noch schwer vertreten könnte.

Ballack verweist in seiner Erklärung darauf, dass er offen und kritisch habe Dinge ansprechen wollen, „die mir als Kapitän am Herzen lagen“. Doch schon jetzt lässt sich feststellen, dass er sein Ziel verfehlt hat. Er hat seiner Sache mehr geschadet als genutzt. Das breite Publikum hat sich mehrheitlich auf Löws Seite geschlagen. Es unterstützt den verschärften Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft, der alte Pfründe bedroht und die Verkrustungen aufbricht, die das Team bei der EM offenkundig gelähmt haben.

Anstatt die Position der alternden Führungsspieler in der Nationalelf zu stärken, hat Ballack sie mit seinem Vorpreschen nachhaltig geschwächt. Torsten Frings, der bisher als furchtloser Kämpfer galt, steht nun in der Öffentlichkeit als jemand da, der fremde Hilfe benötigt, um sich überhaupt noch behaupten zu können. Und die Diskussionen über einen Ausschluss Ballacks aus der Nationalmannschaft haben dazu geführt, die bis dato unmögliche Variante Nationalmannschaft ohne Ballack zum ersten Mal gedanklich durchzuspielen. Plötzlich hieß es, dass Ballack bei der Weltmeisterschaft in zwei Jahren ja auch schon fast 34 sei …

Auch Torsten Frings, der einzige Nationalspieler, der Ballack nach dessen Kritik an Löw öffentlich zur Seite gesprungen ist, hat gestern seine Konsequenzen gezogen. Von seinem Verein Werder Bremen ließ er die Erklärung verbreiten, dass er nicht aus der Nationalmannschaft zurücktreten wolle. „Ich werde weiterhin kämpfen und meine Chance suchen“, teilt Frings mit. Eine Stammplatzgarantie habe er nie gefordert, werde er auch nie fordern, „ich möchte Jogi Löw und sein Team auch zukünftig immer mit Leistung überzeugen“. Die Nachricht ist angekommen.

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