Nationalelf : "Toreschießen ist wie Zähneputzen"

Nationalspieler Patrick Helmes spricht mit dem Tagesspiegel über sein erstes Länderspieltor, frühen Reichtum und seine Perspektive bei Joachim Löw.

Helmes
Patrick Helmes, 24, hat als Zweitligaspieler sein Debüt in der Nationalelf gegeben. -Foto: ddp

Herr Helmes, würden Sie gern gegen Liechtenstein Ihr erstes Länderspieltor schießen – oder lieber gegen einen richtigen Gegner?

Was heißt richtiger Gegner? Liechtenstein ist jetzt vielleicht nicht die Fußballmacht, trotzdem wird das nicht einfach für mich. Wenn ich gegen Liechtenstein spiele, will ich auch treffen. Ich kann mir mein erstes Tor doch nicht für einen bestimmten Gegner aufbewahren.

Nagt es an Ihnen, dass Sie für die Nationalmannschaft noch nicht getroffen haben?

Ich habe ja erst sechs Länderspiele, fünfmal bin ich eingewechselt worden, zum Teil recht spät, aber in fünf der sechs Spiele war ich verdammt nah dran am Tor. Ich bekomme viele Chancen, weil ich mir viele erarbeite, und normalerweise verwerte ich auch recht viele. Aber es passiert eben auch mal, dass du nicht triffst. Ich mache mir da keinen Vorwurf. Irgendwann kommt das nächste Spiel, und dann geht es wieder von vorne los.

Ist Ihnen jedes Tor gleich lieb?

Ich mag jedes Tor, egal, ob in der Bundesliga, in der Nationalmannschaft oder im Testspiel gegen einen Kreisligisten. Sobald ich treffe, bin ich zufrieden. Letztlich ist es doch überall dasselbe: Das Tor ist auf allen Plätzen gleich groß.

Beim Training der Nationalmannschaft waren Sie als Erster auf dem Platz und haben einen Ball nach dem anderen von der Strafraumgrenze ins leere Tor geschossen.

Das mach ich immer, wenn ich Zeit habe. Auch in Leverkusen bin ich meistens ein bisschen früher auf dem Platz. Ich hab vor oder nach dem Training halt nichts zu tun. Dann schieß ich eben aufs Tor.

Brauchen Sie ein Gefühl für das Tor?

Nein. Ich freu mich einfach, wenn der Ball irgendwo liegt und ich aufs Tor schießen kann. Früher habe ich das gleich mit voller Wucht gemacht. Inzwischen fang ich mit lockeren Schüssen an, dann steigere ich mich langsam. Meine Trainer haben alle zu mir gesagt: Mach erst mal langsam! Stellen Sie sich vor, ich würde mir bei so einem Blödsinn eine Muskelverletzung zuziehen – das ist schon gefährlich. Aber mir ist noch nie was passiert. Zum Glück.

Was bedeutet Toreschießen für Sie?

Ich bin Stürmer, Toreschießen ist fast alles für mich. Das gehört einfach dazu.

Eine Art Grundnahrungsmittel.

Oder wie Zähneputzen. So wie ich mir jeden Tag die Zähne putze, will ich auch immer meine Tore schießen. Das ist halt so.

Haben Sie als Kind Geld für Ihre Tore bekommen?

Ja, meine Eltern haben mir fünf Mark pro Tor gezahlt. Das war ein schöner Anreiz. Meine Mutter hat sogar eine Strichliste mit meinen Toren geführt. Sie kann Ihnen heute noch raussuchen, wann, gegen wen und wie oft ich getroffen habe.

Geldsorgen dürften Sie nicht gehabt haben.

Stimmt, das war ein gutes Taschengeld, aber ich hab das auch schnell wieder ausgegeben, für Panini-Bilder oder so was.

Was war Ihr Rekord in einer Saison?

Ich glaube, einmal habe ich in einer Saison 184 Tore gemacht, in jedem Spiel acht, neun oder zehn. Das war ziemlich einfach damals. Ich habe mit Florian Kringe und Moritz Volz in einer Mannschaft gespielt, die auch beide bei den Profis gelandet sind. Wir hatten damals eine richtig gute Truppe. Aber ich habe überall getroffen, auch beim 1. FC Köln in der Jugend oder später in Siegen in der Regionalliga. Ich hatte in meiner Mannschaft immer mit die meisten Tore, wenn nicht die meisten.

Ist das Veranlagung?

Wahrscheinlich. Mein Vater war ja auch Stürmer. Von ihm habe ich viel mitbekommen. Den starken rechten Fuß zum Beispiel. Aber er hat darauf geachtet, dass ich mit beiden Füßen schieße. Wir sind oft zusammen auf den Fußballplatz gegangen. Immer auf Asche. Ein Freund von mir musste ins Tor, und dann habe ich ihm aus 30 Metern die Bälle draufgeschossen.

Ist Ihr Vater fußballerisch immer noch Ihre wichtigste Bezugsperson?

Ja, er schaut sich alle Spiele von mir im Fernsehen an, live im Stadion hat er mich als Profi nur ein- oder zweimal gesehen. Aber wenn ich nach Hause komme, sprechen wir über meine Spiele – es ist nicht so, dass mein Vater mich nur in den Himmel lobt, er sagt mir genauso, was er schlecht fand. Mein Ansporn war es immer, besser zu werden als mein Vater. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

Sie sind immerhin Nationalspieler.

Ja, das habe ich ihm schon voraus. Dafür hat er noch ein paar Bundesligaspiele mehr. Und ein paar hundert Zweitligaspiele – aber die muss ich nicht erreichen.

Sie haben es als Zweitligaspieler bis in die Nationalmannschaft gebracht. Was hat Sie mehr überrascht, dass Sie in den vorläufigen EM-Kader gerutscht sind oder dass Sie am Ende noch gestrichen wurden?

Schwer zu sagen. Ich war vor der EM nur Ergänzungs- oder Einwechselspieler. Trotzdem war ich natürlich ein bisschen enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Aber ich bin nicht der Typ, der lange darüber nachdenkt. Ich habe den Bundestrainer nicht gefragt: Warum? Das bringt ja nichts. Ich kann ihm auch nicht böse sein. Als ich im Flugzeug saß, war die Sache für mich geritzt. Ich habe die Spiele im Fernsehen gesehen, hatte länger Urlaub und bin nach Leverkusen gewechselt. Daher war das für mich recht einfach zu verarbeiten.

Haben Sie während der EM nicht manchmal gedacht: Also, den hätte ich jetzt aber reingemacht?

Nein, vermutlich hätte ich sowieso nicht gespielt. Vielleicht hätte ich einen Einsatz bekommen so wie Oliver Neuville, mehr aber wohl nicht. Ich wäre auch nur Stürmer Nummer fünf gewesen.

Wo sehen Sie sich jetzt?

Als Zweitligaspieler stehst du immer ein bisschen unter den anderen. Bei der Ligazugehörigkeit habe ich nun ausgeglichen. Jetzt kann ich mich beweisen und mich mit den anderen Stürmern wirklich messen. Ich bin jetzt einer von fünfen.

So bescheiden? Der Bundestrainer hält einiges von Ihnen. Wir würden sogar wetten, dass das Sturmduo bei der WM 2010 Mario Gomez/Patrick Helmes heißt.

Das ist schön, dass Sie das glauben. Es ist ja auch nicht so, dass ich mich jetzt wieder hinten anstelle. 2010 will ich auf jeden Fall dabei sein. Das ist mein Ziel. Der Bundestrainer redet viel mit mir, daher weiß ich auch, was er von mir hält.

Ist Leverkusen das richtige Sprungbrett für eine große Karriere?

In Leverkusen ist es recht ruhig, da kannst du dich aufs Fußballspielen konzentrieren. Für mich ist das ideal. Ich bin jetzt 24, mein Vertrag läuft vier Jahre. Danach kann ich immer noch zu einem ganz großen Klub wechseln. So wie Miroslav Klose. Der ist auch erst von Lautern nach Bremen gegangen und hat dann zum richtigen Zeitpunkt den Schritt zu den Bayern getan. Mit 28, 29, als gestandener Bundesligaspieler kannst du das wagen. Wobei es nicht unbedingt Bayern sein muss.

Wollen Sie lieber ins Ausland?

Im Moment ist das kein Thema. Für mich käme auch nur England infrage. Das ist die Liga, die ich wirklich liebe und die ich nebenbei ein bisschen verfolge. So wie in England Fußball gespielt wird, so spiele ich selbst am liebsten.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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