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Vermeintlicher Klassiker : Das verhinderte Spiel zwischen Holland und Deutschland

15.11.2012 17:15 Uhrvon
Neue Akzentuierung. Per Mertesacker, der sich hier in einen Schuss von Eljero Elia wirft, zeigt, was im Spiel gegen Holland gefordert war. Foto: dapdBild vergrößern
Neue Akzentuierung. Per Mertesacker, der sich hier in einen Schuss von Eljero Elia wirft, zeigt, was im Spiel gegen Holland gefordert war. - Foto: dapd

Nach dem 4:4 gegen Schweden spielt die deutsche Mannschaft in Holland aus einer sicheren Abwehr heraus. Doch die Angst vor Gegentoren lähmt das offensive Risiko des deutschen Teams.

Man konnte den Deutschen wirklich nicht vorwerfen, sie hätten nicht alles versucht. Hans-Dieter Flick, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, ließ es auch zu vorgerückter Stunde nicht an Akribie mangeln. Er hatte Julian Draxler zu einer Art Privatunterricht an seine Seite gebeten, eine gefühlte Ewigkeit redete Flick auf den jungen Schalker ein, während er Laufwege in seinen Notizblock malte. Als die Intensivschulung beendet war, zeigte die Uhr auf der Anzeigetafel 89:36 Minuten. Es dauerte dann noch einmal eine gute Weile, bis das Spiel unterbrochen war, der Wechsel vollzogen werden und Draxler sein frisch erworbenes Wissen in der Praxis anwenden durfte.

Den Ball berührte er nicht mehr, seine Laufwege aber waren vermutlich von bestechender Klarheit.

An diesem Abend konnte man eben nicht alles haben.

Louis van Gaal, der Trainer der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, wurde nach dem 0:0 gegen die Deutschen vom holländischen Fernsehen gefragt, ob er das Spiel genossen habe. „Ich habe es genossen“, antwortete er, woraufhin der Mann vom Fernsehen versicherte, dass seine Frage ernst gemeint gewesen sei. „Ich meine es auch ernst“, erwiderte van Gaal. „Ich habe ein gutes Spiel gesehen.“ Das ästhetische Empfinden von Fußballtrainern unterscheidet sich gelegentlich sehr deutlich von dem des normalen Publikums. Das zeigte sich auch am Mittwochabend in der Amsterdam-Arena. „Beinahe nicht mehr auszuhalten“ sei es gewesen, schrieb am Tag danach die ’Volkskrant’: „Auf eine todlangweilige erste Halbzeit folgte eine todlangweilige zweite Halbzeit.“

Auch Joachim Löw, wie van Gaal eigentlich ein Anhänger des gepflegten Offensivfußballs, hatte die Darbietung goutiert. Dass er die Stimmung in der Arena als Hexenkessel empfunden hatte, ließ zwar auf gewisse Störungen in seiner Wahrnehmung schließen, weil die Atmosphäre im Stadion eher an eine Aussegnungshalle erinnerte. Doch Löw meinte es ernst. Seine Zufriedenheit erklärte sich vor allem aus der Vorgeschichte des Spiels, aus den teils heftigen Debatten, in deren Zentrum der Bundestrainer nach dem 4:4 gegen Schweden gestanden hatte. In den Tagen vor dem Spiel hatte er zwar tapfer seine Spielphilosophie verteidigt, in der Praxis aber zeigte sich dann, dass er sehr wohl leichte Modifikationen vorgenommen hatte. Die Defensive besaß an diesem Abend eindeutig Vorrang.

„Wir haben sehr positionstreu gespielt, sehr diszipliniert und sehr kompakt“, sagte Löw. Der Wille zur Defensive war der ganzen Mannschaft anzumerken. Die beiden Rookies Ilkay Gündogan und Lars Bender beherrschten mit großem Eifer das defensive Mittelfeld, die Viererkette war stets erfolgreich um Anschluss bemüht und verknappte dadurch Raum und Zeit. Dass die Holländer vor der Pause kaum ins Spiel fanden, erklärte van Gaal mit dem Druck der Deutschen: „Sie haben sehr offensiv verteidigt und den ballführenden Spieler mit vielen Leuten attackiert.“

Dass van Gaal sich so wohlwollend über die Deutschen äußerte, lag vermutlich auch daran, dass sie wie eine van-Gaal-Mannschaft gespielt hatten. Der Ball kreiselte unaufhörlich durch die eigenen Reihen; anstatt wild nach vorne zu spielen, warteten die Deutschen geduldig, bis sich ihnen eine Lücke bot. Der Wagemut wurde zulasten der defensiven Stabilität gezügelt. Van Gaal fand die Gäste trotzdem dominant und stabil, „in der ersten Halbzeit haben sie uns weggespielt“, sagte er. Allein, der Dominanz fehlte eine klare Richtung, weil die Deutschen das letzte Risiko scheuten. Nach der Pause brachten sie keinen einzigen Ball mehr aufs holländische Tor; die einzige Chance hatte Marco Reus in der Nachspielzeit.

Im 14. und letzten Länderspiel des Jahres blieben die Deutschen zum ersten Mal ohne eigenes Tor, und trotzdem widersprach Löw der Deutung, er sei aus Gründen des allgemeinen Friedens von seiner offensiven Linie abgewichen. Für den Bundestrainer bewegte sich die Darbietung seiner Mannschaft im Rahmen der von ihm vorgegebenen Spielphilosophie. „Wenn wir unseren Stil durchziehen, haben wir keine Probleme, weder offensiv noch defensiv“, sagte er. Dass es in diesem Rahmen, je nach Gegner, verschiedene Akzentuierungen gibt, wäre dann so etwas wie die neue und durchaus erfreuliche Erkenntnis aus dem Spiel gegen die Holländer. Auch wenn in der Gedankenwelt des Joachim Löw ein Plan B nicht vorgesehen sein mag, seit Mittwochabend besitzt er zumindest einen Plan A2.

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