Nationalismus : Fußball ist ein zwiespältiges Tier

Bora Cosic verließ 1992 aus Protest gegen das Regime seine Heimat Serbien und lebt in Berlin. Hier denkt der Schriftsteller darüber nach, warum Fußball immer Fußball bleibt – allem nationalistischen Getöse zum Trotz.

Bora Cosic
Kroatien1
Rauchzeichen. Kroatische Anhänger feiern ihr Land und ihr TeamFoto: dpa

Wie ich höre, wird in der kleinen Alpenrepublik Slowenien jeder Autofahrer aus dem Nachbarland, wenn er an seinem Auto die Fahne seines Landes gehisst hat, mit einer Geldstrafe belegt. Niemanden dort interessiert, dass diese Fahnenträger in den Autos Fußballfans sind, in diesem Staat sind solche Dinge nur Diplomaten erlaubt. Ich sehe mich in diesen Fußballtagen in Berlin um und bemerke, dass die Fähnchen der unterschiedlichsten Länder im Charlottenburger Wind flattern, ohne dass jemand Angst hat, niemand sieht in diesen türkischen oder französischen Bannern die Gefahr einer neuerlichen Belagerung Wiens, einer neuerlichen Schlacht um Verdun. Vielleicht ist dieser Wind und diese Berliner Luft einer der wichtigen Gründe, warum ich hier lebe. Weil in seinem Hauch eine Leichtigkeit ohne Frustration säuselt, solange es keine Hakenkreuze auf den T-Shirts der närrischen Rotznasen gibt, kannst du tragen, was dir beliebt. In der Stadt, deren Bürgermeister einen gleichgeschlechtlichen Partner hat, sind viele Vorurteile verschwunden, außer jenen unvermeidlichen, dass wir auch weiterhin menschliche Wesen sind.

Die Frage ist, was für eine Bedrohung die slowenischen Polizisten in diesen winzigen Fähnchen sehen; für mich ist sogar eine sehr große Fahne, eine Staatsfahne, wie sie manche Volksführer in ihrem patriotischen Gottesdienst ordnungsgemäß küssen, ein Lappen, dem man allzu viel Bedeutung beimisst. Dieser Stoff, immer zu bunt und meistens unelegant, ist in eine Rolle geraten, für die er nichts kann, unter dieser Flagge sterben verängstigte Krieger keineswegs leichter als ohne Fahne über dem Kopf, später werden ihre Särge darin eingehüllt, und das ist das Ende.

Diese Fähnchen an den Autos der Fans verstehe ich ganz anders, sie kommen mir eher wie papierene Windrädchen vor, die den kleinen Kindern die Illusion vermitteln, es seien Flugzeuge. Weil die Fans, in vielerlei Hinsicht verrückt, ein kindisches Volk sind, sie hoffen so jeden Moment, sie könnten in den Siegeshimmel ihrer geliebten Mannschaft fliegen. Aber das geschieht meistens nicht, von den vielen gewinnt bei der Meisterschaft nur eine, die anderen verfallen in die bekannte Neurose nach dem Wettkampf, ähnlich dem Nachkriegssyndrom. Das, wie wir wissen, sogar die so genannten Sieger befällt, und zu ihnen zählt die kroatische Mannschaft. Sowohl militärisch als auch fußballerisch. Daher gebärden sich die Leute dort während einer glorreichen Feier bisweilen verrückt. So ist es um den Sieg der kroatischen Mannschaft in Klagenfurt, der sich in eine nationalistische Euphorie verwandelt hat, zu einem Riesenskandal gekommen, seltsam ist nur, dass die europäische Öffentlichkeit sich erst jetzt über Szenen aufregt, über in unserer südlichen Heimat übliche und jedenfalls allgemein bekannte. Erst vor wenigen Wochen feierte Zagreb ausgerechnet mit einem großen Thompson-Konzert auf dem Hauptplatz ein Jubiläum.

In meiner Kindheit geschah jene Ungerechtigkeit in Uruguay, die sehr gute Mannschaft des Königreichs Jugoslawien wurde besiegt, weil ein Polizist von dort auf das Spielfeld gerannt war und ein Tor erzielt hatte, das anerkannt wurde. Heute kommen solche Sachen seltener vor, ein Wettkampf spiegelt in der Hauptsache Gleichberechtigung wider; wie groß ein Land auch ist, seine Mannschaft hat nur elf Spieler wie die andere, die gegnerische, aus der kleinstmöglichen Republik. Diese engagierten Burschen auf dem Spielfeld sind so sich selbst überlassen, alles andere betrifft die Anhänger auf den Tribünen, manchmal überschätzt, laut, aber meist ganz unwirksam. Fußball ist überhaupt ein völlig zwiespältiges Tier, das eine ist das Spiel, manchmal zauberhaft einfallsreich, gleichzeitig drückt vieles auf dieses pastorale Spielfeld wie ein schwerer Alb.

Vom Kicken des Balls auf dem grünen Rasen mittelmäßig begeistert, interessiert mich vielleicht nur das, das einfallsreiche Streiten um einen aufgeblasenen Ballon ohne alle Beigaben.

Ohne die Ströme karnevalistisch aufgemachter Fans, das Geld, den Anteil von Glamour, Ruhm, politischen Implikationen zu berücksichtigen, bleibt für mich ein Schuss von Modric trotz allem das, was er ist, ein phantasievolles Ausholen mit dem Bein, eine glückliche Kombination von Muskelelastizität, verlässlichem Reflex, sogar Fröhlichkeit in dieser profanen Körperbewegung.

Denken denn die Heimat liebenden Kroaten, ob Spieler oder nicht, die im Augenblick ihres Fußballsieges in Klagenfurt Musik des Nazi-Sängers der Band Thompson abspielten, dieses ganze Spiel würde dadurch seine Regeln ändern? Ein Eckball oder jede Parade des Torwarts würde zum Ruhm eines wegen Kriegsverbrechen angeklagten Generals durchgeführt? Diesem obskuren Chansonnier kann Haider zwar eine Karte auf der Fußballtribüne anbieten, aber das wird keinen zwölften Spieler aufs Spielfeld bringen. Als schösse jener Polizist aus Uruguay von neuem aus einer unerlaubten Position.

Der Schriftsteller Bora Cosic wurde 1932 in Zagreb geboren und wuchs in Belgrad auf. 2002 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber.


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