Nationalmannschaft : Chef der leeren Mitte

Bastian Schweinsteiger soll bei der Nationalmannschaft den Regisseur geben. Der inzwischen 23-Jährige steht latent im Verdacht, ein Versprechen zu bleiben.

Stefan Hermanns
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He's got the look. Bastian Schweinsteiger in der Roxette-Version. -Foto: dpa

KölnBastian Schweinsteiger hat mit seiner Exzentrik nicht immer die besten Erfahrungen gemacht. Sein erstes Tor im Profifußball hat der Mittelfeldspieler mit einer besonderen Choreografie gefeiert. Er küsste seinen Talisman – und beschwor damit den Zorn von Uli Hoeneß herauf. „Das ist doch ein Witz“, polterte der Manager des FC Bayern München nach der Showeinlage des damals 18-Jährigen. Vermutlich ist Hoeneß auch nicht besonders glücklich über die neue Frisur, die sich Schweinsteiger gerade zugelegt hat; aber inzwischen hat sich der Mittelfeldspieler ein solches Renommee erworben, dass die Typveränderung hin zum silberblonden Roxette-Look des Jahres 1988 zumindest schweigend zur Kenntnis genommen wird. Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Samstag in Cardiff ihr EM-Qualifikationsspiel gegen Wales bestreitet (20 Uhr 30, live im ZDF), wird der Münchner so etwas wie den Chef im Mittelfeld geben dürfen. „Er kann entscheidende Impulse setzen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. „Wenn Schneider, Frings und Ballack ausfallen, ist er einer der Erfahrensten im Mittelfeld. Wir erwarten, dass er eine Führungsrolle übernimmt.“ Wer auch sonst?

Zum zweiten Mal hintereinander muss der Bundestrainer so etwas wie die leere Mitte verwalten. Aus dem Stamm-Mittelfeld der Weltmeisterschaft 2006 fehlen wie vor zwei Wochen im Wembleystadion drei von vier Spielern, die verletzten Michael Ballack und Thorsten Frings, dazu der gesperrte Bernd Schneider. Und von den sieben Mittelfeldspielern, die vor einem Jahr im WM-Kader standen, ist in Cardiff neben Schweinsteiger nur noch Thomas Hitzlsperger dabei. Vermutlich übernimmt Außenverteidiger Philipp Lahm erneut die Position vor der Abwehr, anders als gegen England wird Löw aber wohl vom 4-5-1- zum gewohnten 4-4-2-System zurückkehren – mit Schweinsteiger hinter den Spitzen.

„Das ist ein kleines bisschen ungewohnt, weil ich bei den Bayern links außen spiele“, sagt der Münchner. Im Grunde liegt ihm die Außenposition eher. Zum einen kann er von dort in die Mitte ziehen und mit seinem starken rechten Fuß den Abschluss suchen; zum anderen begünstigt sie sein risikofreudiges Spiel. Wenn Schweinsteiger den Ball außen beim Dribbling verliert, gerät die eigene Defensive nicht umgehend in ärgste Gefahr. In der Mitte ist die Bedrohung unmittelbarer, dafür ist man dort „fast immer im Spiel, man hat mehr Ballkontakte und mehr Zweikämpfe“, sagt Schweinsteiger.

Der Weg von außen in die Mitte ist der normale Gang, den ein ambitionierter Mittelfeldspieler im Laufe der Jahre geht. Lothar Matthäus hat einmal rechts außen angefangen, genauso Stefan Effenberg und Sebastian Deisler. Dass Schweinsteiger eines Tages in diesem Kontext genannt werden würde, war ihm schon zu Beginn seiner Karriere gesungen worden. Trotzdem steht er latent im Verdacht, ein ewiges Versprechen zu bleiben. Vor einem Jahr war Schweinsteiger noch der ungekrönte König aus dem Sommermärchen, kaum zehn Monate später galt er als das wahrscheinlichste Opfer der umfassenden Reorganisation im Kader seines Heimatvereins. Für Schweinsteiger schien kein Platz mehr zu sein in der aufgemotzten Bayern-Mannschaft. „Ich wusste immer: Wenn ich gesund bin, würde ich auch spielen“, sagt er. Genauso ist es gekommen.

Man vergisst leicht, dass Schweinsteiger immer noch erst 23 ist. Er wird mit anderen Maßstäben gemessen, weil er bereits seit drei Jahren Stammspieler der Nationalmannschaft ist. Als Schweinsteiger gestern ein DFB-Programm mit dem Kader für die Begegnung in Wales inspizierte, stellte er fest, „dass ich von den Spielen her der Viertälteste bin“, dass also nur drei Spieler – Jens Lehmann, Arne Friedrich und Miroslav Klose – mehr Länderspiele bestritten haben als er. Wenn Schweinsteigers Karriere nur einigermaßen normal weiter verläuft, wird es sich kaum verhindern lassen, dass er Lothar Matthäus eines Tages, vielleicht 2016, 2017 oder 2018, als Rekordnationalspieler ablöst. Schweinsteiger bestreitet am Samstag sein 44. Länderspiel. Als Lothar Matthäus so alt war wie er, hatte er gerade 22.

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