Nationalmannschaft : Der Anführer wird antastbar

Das Nationalteam will sich neu justieren. Genau jetzt kommt der alte Leader Michael Ballack zurück - eine Situation mit Sprengkraft.

Michael Rosentritt
Ballack Foto: dpa
Die Rückkehr Michale Ballacks in die DFB-Elf wird von gemischten Gefühlen begleitet. -Foto: dpa

Berlin - Vor ein paar Tagen, rund um seinen 32. Geburtstag, hat Michael Ballack einem internationalen Fußball-Magazin erzählt, dass er noch bis 2012 für Deutschland spielen möchte. Die WM 2010 sei sein nächstes Ziel, aber noch nicht der Schlusspunkt. „Ich denke noch lange nicht daran aufzuhören.“ Gut möglich, dass sich das für manchen in der deutschen Nationalmannschaft wie eine Drohung angehört hat. Seit Dienstag ist sie wieder in Düsseldorf versammelt. In den Wochen, in denen Ballack wegen einer Fußverletzung ausfiel, ist einiges passiert, aber noch mehr geerdet worden. Ballack sei isoliert, sein Führungsstil nicht mehr zeitgemäß und überhaupt stelle sich die Frage, ob er noch unantastbar ist.

Michael Ballack ist es gewohnt, dass ihm eine besondere Aufmerksamkeit gehört. Er ist mit 87 Länderspielen der erfahrenste und auf Grund seiner Klasse immer noch der einzige Spieler, den die Gegnerschaft wirklich fürchtet. Neu ist, dass er sich intern zu beweisen hat. Bislang hatte der Bundestrainer ihn als Leader bezeichnet, als einen, der das große Bild im Kopf habe, der die Mannschaft zu führen hat. Neuerdings macht Joachim Löw kleine, aber feine Differenzierungen. „Es ist nicht möglich, dass ein Spieler über allen anderen steht“, sagte er in Düsseldorf. „Wir brauchen in jedem Mannschaftsteil mehrere, die organisieren.“

Wenn es zuletzt um Michael Ballack ging, war auch der Team-Manager der Nationalmannschaft nicht weit. Oliver Bierhoff ergänzte, dass „nicht Michael Ballack Vize-Europameister geworden ist, sondern die ganze Mannschaft“. Ballack sei aber „ein ganz wichtiger Spieler“. Ein Ballack in Bestform wird gegen Russland dringend gebraucht. „Wichtig ist, dass er die Mannschaft auf dem Feld führt, und ich bin überzeugt, dass er es tun wird“, sagte Bierhoff.

Das Spiel gegen Russland am Samstag besitzt auf dem Weg zur WM 2010 besondere Bedeutung. In der Qualifikation hat Löws Team vor einem Monat in Lichtenstein gewonnen, aber in Finnland nur 3:3 gespielt. Rechtzeitig sind nun ein paar Stammspieler zurückgekehrt, etwa die Bremer Torsten Frings und Per Mertesacker, der Berliner Arne Friedrich und eben Michael Ballack. Die Abwesenheit des Kapitäns nutzten Spieler wie Thomas Hitzlsperger (Stuttgart) und Simon Rolfes (Leverkusen), um sich in Position zu bringen. Hitzlsperger und Rolfes sind inzwischen zu Kapitänen in ihren Klubs gewachsen und leiten daher auch in der Auswahl Ansprüche ab. Ihr Auftritt in Helsinki hat aber gezeigt, dass es ohne Ballack nicht geht.

Hinter dem Mann vom FC Chelsea liegt ein bisweilen aufgebauschter Dauerzwist mit Bierhoff. Genutzt wurde dieses Dauerthema von vielen. Eine Zeitschrift sah den Nationalmannschaftskapitän schon isoliert. Ballack bezeichnete das an den Haaren herbeigezogen, verärgert hatte es ihn trotzdem. Herthas Kapitän Friedrich etwa mahnte an, er, Ballack, möge im Umgang mit den Teamkollegen positiver auftreten. Ballack sei während der EM sehr kritisch gewesen, mancher habe den Führungsstil des Kapitäns gar als despotisch empfunden. Ballacks Konter fiel hart aus: „Als Führungsspieler muss ich anders reagieren als ein Spieler, der nicht im ersten Glied und in der Verantwortung steht“, sagte er.

Anfang dieser Woche hat Michael Ballack erklärt, dass er seinen Führungsstil nicht ändern wolle. Fakt ist, dass der Bundestrainer an einer Verjüngung des Teams bastelt. Löw betont immer wieder, dass er den Konkurrenzkampf auf allen Positionen neu entfachen und auch die Hierarchie neu ordnen will. Nicht Ballack als Kapitän stehe in Frage, sondern es gehe um die Schaffung eines Gegengewichts zum mächtigen Kapitän. Dabei drängt der Bundestrainer Spieler wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger in die Verantwortung.

Es ist kein Geheimnis, dass manchem in der Nationalmannschaft Ballack zu dominant und einflussreich ist. Es gibt keinen zweiten, dessen Wort beim Bundestrainer ein solches Gewicht hat. Das Warum erklärt ein Blick zurück. Bei der EM gab es einen kritischen Punkt. Nach der Niederlage gegen Kroatien durfte die Nationalelf nicht auch noch gegen Österreich verlieren. Sie wäre sonst früh ausgeschieden. Wieder einmal war es Ballack, der dem Druck gewachsen war, der Führungsqualitäten bewies. Mit seinem Freistoßtor rettete er das Ansehen des deutschen Fußballs und mithin Löw den Job. Kurz zuvor hatte Ballack dem Tagesspiegel in einem Interview zum Thema Führung gesagt: „Jeder ist anders, und es gibt welche, die in eine solche Rolle verbal reindrängen. Bei mir entwickelte sich das zuerst über die Leistung.“

Die Leistung Ballacks bei der EM stimmte, wenngleich er nicht am Limit spielte. Zu bemerken war aber, dass er größere Zweifel an der Fähigkeit der Mannschaft hatte als andere. Vielleicht erklärt das sein intern ungeduldiges Verhalten. Ballack hat bei Chelsea bessere Mitspieler. In der Nationalmannschaft fehlt ihm seit dem Wegfall Bernd Schneiders die spielerische Unterstützung, die er braucht. Ballack musste mehr machen, als es ihm und dem Spiel der Deutschen guttat. Er musste der Defensive Stabilität verleihen, Akzente im Angriff setzen und möglichst noch viele Tore erzielen. Ihn trieb die Sorge, dass es vielleicht erneut nicht zum Titelgewinn reichen und es wieder an ihm festgemacht werden würde. Es würde heißen: Seht, er kann keine Titel gewinnen. Bislang hat Ballack zwar gezeigt, dass ihm Niederlagen in großen Spielen nichts anhaben konnten, aber das kann zum wunden Punkt geworden sein. Jünger wird auch Michael Ballack nicht.

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