Nationalmannschaft : Die neue Herzlichkeit

Am Ende prosteten sich Michael Ballack und Manager Oliver Bierhoff sogar mit Sektgläsern zu. Vor dem Spiel gegen Norwegen versuchen sie symbolträchtig, ihren Streit vergessen zu machen.

Michael Rosentritt[Düsseldorf]
Ballack und Bierhoff Foto: dpa
Haben sich wieder lieb: Michael Ballack (r.) und Oliver Bierhoff. -Foto: dpa

Ganz am Ende waren es Sektgläser, die Michael Ballack und Oliver Bierhoff in die Kameras schwenkten. Ein hübsches Abschlussbild, könnte man meinen, das da gestern aus Düsseldorf ins Land hinaus gesendet wurde. Hier wird am Mittwoch der Kapitän Ballack die deutsche Fußballnationalmannschaft ins Spiel gegen Norwegen führen, und hier soll der Grundstein für ein erfolgreiches Länderspieljahr gelegt werden. „Ich komme immer wieder gern zur Nationalmannschaft“, sagte Michael Ballack. Bierhoff hörte es gerne.

Wer hätte gedacht, dass Ballack und Bierhoff so rasch ein so symbolträchtiges Bild in der Öffentlichkeit abgeben würden? Es ist noch nicht so lange her, da gab es ganz andere Bilder von beiden. Direkt nach dem verlorenen EM-Finale im Wiener Ernst-Happel-Stadion standen die beiden am Rande einer körperlichen Ausein andersetzung. Bierhoff, der Manager, hatte den Kapitän aufgefordert, mit einem Schwenkelement in die Kurve der deutschen Fans zu gehen. Ballack weigerte sich, es kam zu einem verbalen Gefecht, der Spieler ging danach ohne Plakat in die Kurve, klatschte einige Fans ab. Bierhoff blieb bedröppelt auf dem Rasen zurück.

Der WM-Titel ist das gemeinsame Ziel

Dieser Zwischenfall gilt als Auslöser eines später ausgetragenen Streits zwischen Ballack und Joachim Löw: Der 32-jährige Kapitän kritisierte Aufstellung und Personalpolitik des Bundestrainers öffentlich in einem Interview. In einem Friedensgipfel wurde der Streit offiziell beigelegt, weil aber Ballack im November noch einmal nachlegte („Manchmal muss man ganz bewusst an die Öffentlichkeit gehen, um ein bisschen wachzurütteln“) und die Nationalelf ohne ihren Kapitän gegen England nahezu desaströs verlor, überlebte das Thema den Jahreswechsel. „Ich habe oft betont, dass von dem Thema nichts hängen bleibt, weder bei den Trainern, bei den Mitspielern noch bei mir“, sagte Ballack gestern. „Es war eine angebrachte Kritik von mir. Im Nachhinein aber hätte ich das wohl intern ansprechen können.“ Genau darin besteht die Minimalforderung der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft .

Die 22 Debütanten unter Löw können Ballack nicht ersetzen
 
„Wir wollen den Spielern keinen Maulkorb verpassen. Aber wir haben Regeln. Und die besagen, dass Kritik intern anzusprechen ist“, hatte Löw gesagt. Wie viel von der neuen Herzlichkeit gestern Schau war oder Wahrhaftigkeit besitzt, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Beide Seiten haben die Absicht, nicht nur die WM-Qualifikation zu erreichen, sondern auch 2010 in Südafrika Großes zu vollbringen. Für Ballack ist es vielleicht die letzte Chance auf einen Titel als Nationalspieler, und Löw und Bierhoff wissen, dass sie ihn für dieses gemeinsame Ziel brauchen. Denn nach wie vor – das zeigte das Spiel gegen England – geht es gegen große Gegner noch nicht ohne den Mittelfeldspieler. 22 Spieler haben in der eineinhalbjährigen Amtszeit Löws in der Nationalelf debütiert, am Mittwoch werden in Mesut Özil und Andreas Beck zwei weitere hinzukommen, aber noch ist Ballack nicht ersetzbar.

Ballacks neue Diplomatie

„Ich bereue nichts“, sagte Ballack gestern. In der Nationalelf werde man weiter an einem Strang ziehen. Am Mittwoch wird er zum 90. Mal für Deutschland auflaufen. Auf die Frage, ob er sich an seiner Seite den von Löw zuletzt ausgebremsten Torsten Frings wünsche, antwortete Ballack diplomatisch: „Ich wünsche mir nichts. Der Trainer wird eine Mannschaft aufbieten, die hoch motiviert ist.“ Doch ganz so brav, wie das Zuprosten wirkte, mochte Ballack nicht abtreten. Er habe mit Löw noch nicht über die Aufstellung gesprochen. Und er werde sich auch weiterhin eine Meinung bilden und diese vertreten. Allerdings will Ballack künftig bei seiner Kritik das Für und Wider genau abwägen. „Das ist ein schmaler Grat“, sagte er. „Ich werde damit künftig sensibler umgehen.“ Das hätte mancher gestern auch gern von Oliver Bierhoff gehört.

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