Nationalmannschaft : Die Nummer eins minus

Jens Lehmann gerät im Kampf um seinen Platz im deutschen Tor unter Druck. Während Timo Hildebrand zunächst einmal abgemeldet scheint, drängen mit Manuel Neuer und René Adler zwei Nachwuchshoffnungen auf ihre Chance.

Stefan Hermanns[Palma de Mallorca]
Lehmann
Nationaltorwart Jens Lehmann (r.) und Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt -Foto: dpa

Der letzte Eintrag auf seiner Internetseite stammt vom vergangenen Freitag, seitdem findet Timo Hildebrand als öffentliche Person nicht mehr statt. Der Torhüter des FC Valencia hat bis auf Weiteres die Sprache verloren. Das war schon so, als Andreas Köpke, der Torwarttrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ihm am Freitag telefonisch mitteilte, dass er nicht für die Europameisterschaft nominiert werde. Hildebrand, „überrascht, geschockt, auch irritiert“, legte einfach auf. Anfang dieser Woche hat Bundestrainer Joachim Löw zum ersten Mal selbst mit dem Torhüter gesprochen und ihm eine Begründung geliefert, „die ein bisschen tiefer geht“. Näheres sagte er nicht, aber vielleicht hat Löw Hildebrand erklärt, dass er ein Opfer der Verhältnisse geworden ist.

Timo Hildebrand ist der Leidtragende einer Entscheidung, die in erster Linie als Misstrauensvotum gegen Jens Lehmann zu verstehen ist. Deutschlands designierte Nummer eins genießt längst nicht mehr den bedingungslosen Rückhalt des Bundestrainers: „Wenn alles normal läuft und er in den Testspielen seine Leistung bringt, wenn man spürt, der Jens ist in einer Topverfassung, dann kann man davon ausgehen, dass er die Nummer eins ist“, sagte Löw gestern. Von „wenn“ war bisher nie die Rede, wenn es um Lehmanns Stellung in der Nationalmannschaft ging. Doch weil dem Torhüter des FC Arsenal nach einer Saison auf der Ersatzbank Wettkampfpraxis und Spielrhythmus fehlen, hat sich die Geschäftsgrundlage zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt entscheidend verändert. Jens Lehmann muss sich in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft erst einmal wieder neu beweisen. „Es gibt einen Wettkampf im Tor“, sagt Löw. „Aber der Jens hat schon auch Vorteile.“

Wenn Lehmann im Training und in den beiden Testspielen gegen Weißrussland und Serbien keine Schwächen erkennen lässt, wird sich an der ursprünglichen Planung nichts mehr ändern. Wenn aber nicht… dann braucht Löw einen Torhüter, den er ohne Bedenken spielen lassen kann – und bei dem auch die Nation ein gutes Gefühl hat, so wie sie es von ihren Torhütern seit Generationen gewohnt ist. Bei Robert Enke und René Adler bestehen nicht die geringsten Zweifel. Timo Hildebrand hingegen erfüllte dieses Profil beim FC Valencia mit seiner von starken Leistungsschwankungen durchzogenen Saison wohl nicht.

Die Entscheidung gegen Hildebrand und für Adler gilt als Beleg für einen Wagemut, den man von Löw bisher gar nicht kannte; in Wirklichkeit ist sie seinem ausgeprägten Sicherheitsdenken entsprungen. Der 23 Jahre alte Adler ist der neue Torwartliebling der Fußballnation, und obwohl er noch kein Länderspiel bestritten hat, konnte der Bundestrainer mit seiner Nominierung gar nichts falsch machen. „Der René Adler gehört aufgrund seiner Leistung dazu“, sagte Löw. „Er gehört dazu!“ Adler sei eine starke Persönlichkeit mit guter Ausstrahlung. Und auch seine Vorstellungen vom modernen Torwartspiel sieht der Bundestrainer von ihm gut repräsentiert.

Die allgemeine Wertschätzung für den Leverkusener ist allerdings eher der traditionellen Sicht der Deutschen auf ihre Torhüter geschuldet. Adlers Ruf profitiert vor allem von den Zusammenschnitten in der Sportschau, in der seine spektakulären Rettungstaten auf der Linie aneinandergereiht werden. Kein deutscher Torhüter seit Oliver Kahn hat das Gefühl der Unbezwingbarkeit derart überzeugend verkörpert wie Adler. Doch das moderne Torwartspiel erfordert mehr als die Beherrschung der Linie.

Wenn der Bundestrainer die Moderne konsequent verfolgen wollte, hätte er den Schalker Manuel Neuer nominieren müssen, der jenseits der Linie eine weit größere Präsenz ausstrahlt als Adler. Für Matthias Sammer, den Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, besteht kein Zweifel, dass Neuer „in zwei, drei Jahren der beste Torwart der Welt“ sein wird. Nach einer Saison mit einigen Fehlern und viel Kritik der Boulevardmedien wäre seine Nominierung für die EM dem Volk jedoch nur schwer vermittelbar gewesen.

Wenn Manuel Neuer mit seinem Stil das offensive Prinzip Lehmann fortschreibt, dann ist Adler eher ein Widergänger von Oliver Kahn. Für den deutschen Fußball muss das keine schlechte Nachricht sein. Es ist gut möglich, dass es auf der Torhüterposition demnächst wieder richtig spannend wird.

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