Sport : Nationalmannschaft: Die Versager bitten um Vergebung

Michael Rosentritt

Der Hannoveraner hat sich zu Zeiten der Weltausstellung einen ganz speziellen Humor zugelegt. Da wollte die musikalische Leitung im Niedersachsenstadion, die auf das erste Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft nach dem EM-Desaster einzustimmen hatte, nicht allzu schüchtern sein. Was für den einen Fan schon an Geschmacklosigkeit grenzte, mag seinem Nachbarn vielleicht als eine Hommage an den berühmtesten Terassenabend in der Geschichte des deutschen Fußballs vorgekommen sein. "Die Hände zum Himmel" dröhnte es doch tatsächlich aus den Lautsprechern. Wie gesagt, vor dem Spiel.

Ein gewagtes Unterfangen. Bedenken wir nur, wie sehr sich die deutsche Öffentlichkeit über "die Nacht der leeren Flaschen" ärgerte, nachdem die deutsche Fußballnationalmannschaft in Rotterdam von einer besseren portugiesischen B-Mannschaft aus dem EM-Turnier geworfen wurde. Ein munteres 4:1 gegen Spanien genügte, und verflogen scheinen plötzlich alle Frusterlebnisse. Hannover jubelte einer Mannschaft zu, die sich im Juni noch strafbar machte, wegen ihres gemeinschaftlich verübten Anschlags auf die Volksseele. Die alten Bekannten von Rotterdam war nicht mehr wieder zu erkennen. Was manch einem Zuschauer wie eine wundersame Wandlung vorgekommen sein muss, lässt sich schwer erklären. Rudi Völler, als Teamchef ein voller Publikumserfolg, versuchte sich. "So schlecht, wie der deutsche Fußball geschrieben und gesendet wurde, ist er nicht. Aber das war heute ein ganz wichtiger Sieg. Wir alle standen doch sehr unter Druck." Auch deswegen habe seine Mannschaft nervös begonnen, aber von Beginn an sei zu sehen gewesen, dass die Spieler "bis zur Bedingungslosigkeit" Einsatz und Willen zeigten, sich auf dem Platz gegenseitig halfen und "mal was riskierten", sagte Völler. "Ich glaube, die Leute haben gemerkt, dass sich einiges verändert hat." Die Nationalmannschaft bleibe das "Lieblingskind" der Deutschen, und die Mannschaft habe gezeigt, "dass sie wieder daran glauben können." Viel mehr mochte Völler nicht sagen. Vielleicht deswegen, weil "der wirklich tolle Fußball zwischen dem 1:0 und 4:0" etwas Unheimliches hatte. "Ich muss ein bisschen bremsen. Es gibt nichts zu feiern. Die EM ist nicht vergessen gemacht."

Gewundert will sich Mehmet Scholl haben, wie freundlich die Mannschaft empfangen wurde. "Ich habe im Leben nicht daran gedacht, dass uns so etwas passieren würde, jedenfalls nicht in den nächsten ein, zwei Jahren", sagte Scholl. Noch einen Tag zuvor hatte er sich skeptisch geäußert, was den Charakter der neuen, alten Mannschaft anbelangt. Schließlich ist der Kader beinahe deckungsgleich mit dem, der bei der EM kampflos untergegangen war. Woran lag es also? Eine Frage, die sich jeder stellt nach diesem Spiel. "Einige von uns haben es während und nach der EM versucht anzusprechen, und wurden dafür kritisiert. Auch ich habe eine Erklärung, aber ich werde sie hier und jetzt bestimmt nicht sagen", sagte Scholl: "Für uns ist es schön, dass der Rudi da ist".

Rudi also. Das fand auch Oliver Kahn. Abschließend könne auch er sich nicht den Wandel erklären, aber Völler "hat die Spieler stark gemacht", sagte Kahn. Völler habe jeden einzelnen gesagt, dass die EM kein Maßstab sein kann und "uns Spieler an der Ehre gepackt". Jetzt brauche die Mannschaft Konstanz, "zwei, drei Jahre lang. Dann kommen wir mal wieder dahin, wo wir hinwollen."

Und dann waren ja da noch die Spanier, die in einer Formation spielten, wir sie wohl kein zweites Mal anzutreffen sein dürfte. Zudem waren die vielen Neulinge von Trainer Camacho nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Ihre Saison beginnt erst am 10. September. Camacho wirkte angefressen nach dem Spiel. "Wer heutzutage 1:4 gegen Deutschland verliert, kann nicht zufrieden sein", sagte er und legte nach: "Es gibt keine leichten Gegner mehr." Der Mann hat eben auch Humor.

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