Nationalmannschaft : Ein Sieg mit Sorgen

Einem langen Mängelprotokoll der deutschen Nationalelf stehen nach dem 2:0-Sieg in Baku nur die drei gewonnenen Punkte gegen Aserbaidschan gegenüber.

Stefan Hermanns[Baku]
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Moment des Glücks. Michael Ballack freut sich mit den beiden Torschützen Bastian Schweinsteiger (l.) und Miroslav Klose. Foto: dpadpa

Als alles längst vorbei war, bekamen die deutschen Fans auf der Gegengerade noch ein beeindruckendes Schauspiel geboten, eine unerwartete Zugabe sozusagen. Der böige Wind trieb bereits Plastiktüten und anderen Müll mit guten Flugeigenschaften durch das ausladende Stadion, die restlichen Ränge waren längst leer, die Musik abgeschaltet – da wurde es noch einmal aufregend. Eine Kompanie der aserbaidschanischen Armee hastete im Laufschritt am deutschen Block vorbei. Ihre Stiefel knallten über die Tartanbahn, und im Rhythmus ihrer Schritte riefen die Fans aus Deutschland: „Hey, hey, hey!“ Ein gespenstisches Schauspiel, aber auch eine Entschädigung für die bescheidene Referenz, die dem deutschen Anhang von ihrer Fußball-Nationalmannschaft nach dem 2:0 (1:0) gegen den Außenseiter Aserbaidschan erwiesen worden war. Die Aufwartung war nicht mehr als ein Pflichtbesuch nach einem Pflichtsieg gewesen.

Gejubelt hat von den deutschen Spielern keiner; es war eher ein Gefühl der Erleichterung, das sie empfanden. „Das haben wir überstanden“, sagte Verteidiger Per Mertesacker. Dank der Tore von Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose jeweils zu Beginn der beiden Halbzeiten sicherten sich die Deutschen den dürftigen Erfolg zum Auftakt der WM-Saison. Doch egal wen man später fragte, und egal was man ihn fragte – Enke zum Spiel ohne Gegentor, Klose zu seinem Treffer oder Mertesacker zu den Problemen in der Abwehr –, irgendwann fiel immer derselbe Satz. „Wichtig sind nur die drei Punkte“, sagten Enke, Klose, Mertesacker – und alle, die es nicht sagten, dachten es zumindest.

„Hier haben sich viele Mannschaften schwer getan, wir gehören jetzt auch dazu“, sagte Mertesacker, als wären die deutschen Fußballer fast ein bisschen stolz, an diesem Abend in Baku in einen exklusiven Klub aufgenommen worden zu sein. „Macht ja nichts, wenn man als Sieger vom Platz geht.“ Dass es selbst gegen die Nummer 137 der Welt nicht leicht werden würde, hatten die Deutschen schon vorher mehr gewusst als nur geahnt. „Ein Abend ohne Sorgen war das sicherlich nicht“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der seinen Spielern im Voraus mildernde Umstände zugebilligt hatte.

Die Erwartungen waren angesichts des frühen Spieltermins gering, und die Deutschen gaben sich alle Mühe, ihnen gerecht zu werden. Mit beachtlichem Erfolg. „Zu bemängeln ist sicher einiges“, sagte Kapitän Michael Ballack, für den die Saison in England erst am Wochenende beginnt und der die körperliche Belastung am Ende ganz besonders spürte: „Die Mannschaft war nicht in optimalem Zustand. Kann sie auch gar nicht sein.“

Die Beteiligten erstellten nach dem Spiel ein eindrucksvolles Mängelprotokoll: viele Fehler, mangelnde Passgenauigkeit, taktische Defizite im Zusammenspiel der einzelnen Mannschaftsteile. „Struktur und Ordnung waren nicht immer vorhanden“, sagte Löw, der zudem die Harmonie in seiner Mannschaft vermisste. Per Mertesacker bestätigte diesen Eindruck: „Wir haben uns noch nicht so gefunden. Es hat nicht sehr viel zusammengepasst.“ Die Aserbaidschaner hatten es vergleichsweise leicht, die deutsche Defensive mit langen Bällen in Verlegenheit zu bringen. „Wir hatten immer gut zu tun“, berichtete Mertesacker. „Es war teilweise brenzlig.“

Dass es nur brenzlig wurde, und nicht auch peinlich, lag weniger an den Deutschen als an der traditionellen Schwäche ihres Gegners, der auch im sechsten WM-Qualifikationsspiel ohne Tor blieb. Spätestens mit Überschreiten der Strafraumgrenze überfällt ihre Stürmer eine Versagensangst: Ich bin im Strafraum, holt mich hier raus! Dann schlagen sie noch einen Haken oder spielen den Ball quer, bis sie ihn endlich wieder verloren haben. „Sie waren ein bisschen zu verspielt vor dem Tor“, sagte Mertesacker.

Auf so viel Nachsicht des Gegners dürfen die deutschen Verteidiger in knapp zwei Monaten nicht hoffen, wenn sie in Moskau gegen Russland vermutlich um die direkte Qualifikation für die WM spielen. Dann heißen die Stürmer Arschawin und Pogrebnjak. Durch exzessive Verspieltheit oder mangelnde Zielstrebigkeit sind beide bisher nicht aufgefallen.

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